RM Rudolf Müller
Fernwärmerohre werden meist unter der Erde verlegt, manchmal verlaufen sie aber auch überirdisch. Foto: Pixabay

Fernwärmerohre werden meist unter der Erde verlegt, manchmal verlaufen sie aber auch überirdisch. Foto: Pixabay

Haustechnik
09. Mai 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Wärmeversorgung: Dezentral schlägt zentral

Nach den Plänen der Bundesregierung muss Deutschland bis zum Jahr 2050 im Gebäudesektor 80 Prozent Primärenergie einsparen. Eine effektivere Gebäudeheizung und Warmwasserversorgung spielen dabei eine große Rolle. Aber erreicht man das Ziel eher mit der traditionellen, dezentralen Nahwärme-Erzeugung oder mit neuen Fernwärmenetzen? Eine aktuelle Studie hat sich mit dieser Frage befasst.

Auf dem Wärmemarkt unterscheidet man zwischen Fern- und Nahwärme. Bei der Nahwärme wird Wärme in dezentralen Anlagen erzeugt, die sich in den jeweiligen Wohngebäuden selbst befinden. Die Wärmeerzeugung erfolgt also am Ort des Wärmeverbrauchs, zum Beispiel durch den Heizkessel im Keller oder durch eine Gas-Etagenheizung direkt in der Mietswohnung. Nahwärme ist uns aus dem Alltag in Deutschland bereits bestens vertraut.

Demgegenüber steht die Fernwärme, bei der Wärmeerzeugung und Wärmeverbrauch nicht am selben Ort stattfinden. Stattdessen wird die Wärme für Heizung und Warmwasser in zentralen Anlagen gewonnen und von dort über wassergeführte Rohre in die Wohngebäude geleitet. Die zentralen Wärmequellen können zum Beispiel Heizkraftwerke sein oder Müllverbrennungsanlagen oder auch Industrieanlagen, die große Mengen Abwärme liefern.

Fernwärme auf dem Vormarsch

Die Versorgung von Wohnungen mit Fernwärme hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch weil die Politik den Wärmenetzausbau mit vielen Millionen Euro fördert. Nach Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wurden 2014 immerhin schon 13,5 Prozent der etwa 41,3 Millionen Wohnungen in Deutschland mit Fernwärme versorgt. Trotzdem wird der Wärmemarkt hierzulande bisher noch eindeutig von den dezentralen Systemen dominiert.

Und das sollte nach Möglichkeit auch künftig so bleiben – das finden zumindest die Autoren einer aktuellen Studie zur Wärmeversorgung von Wohngebäuden. Es sei nämlich günstiger, vorhandene Einzelheizungen zu sanieren als Fernwärmenetze auszubauen, lautet ein Ergebnis der Untersuchung. Außerdem sei die Fernwärme für die Verbraucher in der Regel mit höheren Heizkosten verbunden. Monopolistische Marktstrukturen auf dem Fernwärmemarkt würden die Wärmeversorgung für Verbraucher spürbar verteuern – so die Studie.

Die Forschungsarbeit wurde im September 2016 unter dem Titel „Dezentrale vs. zentrale Wärmeversorgung im deutschen Wärmemarkt – Vergleichende Studie aus energetischer und ökonomischer Sicht“ veröffentlicht. Erstellt haben sie Wissenschaftler vom Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden (ITG) und vom Fachgebiet Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre der TU Darmstadt. Auftraggeber waren der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH), das Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO), der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK), der Deutsche Energieholz- und Pellet-Verband (DEPV), der Industrieverband Haus-, Heiz und Küchentechnik (HKI) und die Initiative Pro Schornstein (IPS). Dass die genannten Organisationen keine Anhänger der Fernwärme sind, liegt auf der Hand. Die neue Studie liefert ihnen nun fundiertes Argumentationsmaterial für die dezentrale Wärmetechnik.

Dezentrale Heizungen günstiger

Nach den Berechnungen der Studie ist dezentrales Heizen für Verbraucher in der Regel günstiger.

Nach den Berechnungen der Studie ist dezentrales Heizen für Verbraucher in der Regel günstiger.

„Eine Sanierung mit dezentralen Heizungssystemen bietet in allen untersuchten Gebäudevarianten und Versorgungsgebieten wirtschaftliche Vorteile gegenüber einer Sanierung mit zentralen, wärmenetzgebundenen Versorgungssystemen“, heißt es in der Untersuchung. Gesamtwirtschaftlich betrachtet wäre die netzgebundene Fernwärmeversorgung aller deutschen Bestandsgebäude über einen Zeitraum von 20 Jahren um 250 Milliarden Euro teurer als eine Erneuerung dezentraler Heizungen, haben die Wissenschaftler errechnet. Eine durchschnittliche Einzelheizung in einem unsanierten Einfamilienhaus sei über einen 20-Jahres-Zeitraum um 14.757 Euro günstiger als die Fernwärme-Variante. Das sind rund 61 Euro pro Monat. Selbst im Neubau seien dezentrale Heizungen in der Regel günstiger.

CO2-Bilanz

Nun geht es bei den Energiesparzielen der Bundesregierung nicht in erster Linie um Kostenvorteile für Mieter und Hausbesitzer, sondern um den Klimaschutz – also um die Senkung von CO2-Emissionen. Doch auch hier sehen die Autoren der Studie insgesamt eher Vorteile für die dezentrale Wärmeversorgung. Würden die Fernwärmenetze vor allem mit Wärme aus regenerativen Quellen oder mit Abwärme aus Industrieprozessen gespeist, wäre ihre CO2-Bilanz positiv zu beurteilen. Aber tatsächlich stammt ein Großteil der Fernwärme aus Heizkraftwerken, in denen fossile Brennstoffe verfeuert werden – und das ist eben nicht so gut fürs Klima.

Aber dezentrale Heizungen werden doch auch überwiegend durch fossile Brennstoffe – meist Erdgas – betrieben, kann man einwenden. Stimmt, aber Fernwärme muss stets über mehr oder weniger große Entfernungen transportiert werden. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass es daher zwangsläufig zu mehr Wärmeverlusten als bei dezentralen Systemen komme. Fernwärme aus nicht regenerativen Energiequellen stehe daher für einen höheren Primärenergieverbrauch und damit auch für höhere CO2-Emissionen.

Schließlich weisen die Wissenschaftler noch auf eine andere potenzielle Schwäche zentraler Fernwärmenetze hin. Diese sind am effektivsten, wenn sie voll ausgelastet sind, wenn die vorhandene Wärme also zeitnah verbraucht wird. Dann sind auch die Transportverluste geringer. Doch der Trend geht ja zu gut gedämmten Häusern mit immer geringerem Heizenergiebedarf. Auch diesen Prozess fördert die Politik massiv. Selbst wo Fernwärmenetze gegenwärtig sinnvoll sind, könnten sie daher nach relativ kurzer Zeit ihre Vorteile verlieren – warnt die Studie. Im Zeitalter von Niedrigstenergiegebäuden könnten sie ganz einfach überdimensioniert sein.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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