RM Rudolf Müller

Hintergrundwissen
12. Mai 2015 | Artikel teilen Artikel teilen

Duales Studium: Zwei Welten gleichzeitig erleben

Wer das Abitur oder die Fachhochschulreife in der Tasche hat, muss entscheiden, wie es weitergeht: Studium oder vielleicht doch eine betriebliche Berufsausbildung? Oder wie wäre es mit beidem gleichzeitig? Immer mehr junge Menschen in Deutschland entscheiden sich für ein duales Studium als Karrierestart.

Montage Bücherei und Baustoffhandel

Erste Experimente mit dualen Studiengängen wurden seit den 1970er-Jahren zunächst in Baden-Württemberg durchgeführt. Heute ist diese Ausbildungsform in ganz Deutschland fest etabliert. Fast überall bieten Fachhochschulen, Universitäten und Berufsakademien entsprechende Studiengänge an. Dabei überwiegen die Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Maschinenbau, Informatik, Elektrotechnik und Ingenieurwesen.

Details zu den Angeboten findet ihr auf dem Informationsportal www.ausbildungplus.de des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Dort könnt ihr auch deutschlandweit nach dualen Studiengängen suchen und euch Ausbildungsbetriebe anzeigen lassen, die mit den Hochschulen kooperieren. Das Angebot ist wirklich vielfältig, so sind derzeit über 1.500 unterschiedliche duale Studiengänge aufgelistet (Stand: April 2015).

Attraktive Kompromisslösung

Alle Angebote haben gemeinsam, dass ein wissenschaftliches Studium mit praktischer Arbeit in einem Unternehmen verknüpft wird. Der Praxisanteil summiert sich dabei auf mindestens zwölf Monate. Die Organisation unterscheidet sich von Studiengang zu Studiengang. Manchmal verbringen die Studenten ein paar Monate im Betrieb und gehen dann wieder ein paar Monate zur Hochschule. Manchmal gibt es auch wöchentlich feste Praxis- und Theorietage.

Die ursprüngliche Idee des dualen Studiums war es, dass die Studierenden parallel eine klassische betriebliche Ausbildung und ein wissenschaftliches Studium abschließen. Diese Form wird auch als ausbildungsintegrierendes duales Studium bezeichnet. Ein solches Modell hatte Daimler Benz Anfang der 1970er-Jahre bei Gesprächen mit dem baden-württembergischen Kultusministerium vorgeschlagen und damit die Initialzündung für den neuen Ausbildungstyp gegeben. Dem Autokonzern ging es vor allem darum, gute Nachwuchskräfte frühzeitig an das eigene Unternehmen zu binden. Denn schon damals entschieden sich junge Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife immer seltener für eine betriebliche Lehre und immer häufiger für ein Studium.

Mit ausbildungsintegrierenden Studiengängen wollte man eine attraktive Kompromisslösung anbieten. Der Clou dabei: Die Studenten haben am Ende des Studiums einen vollwertigen akademischen Abschluss in der Tasche – heute meist den Bachelor – und gleichzeitig eine betriebliche Berufsausbildung. Und das alles in nur drei bis fünf Jahren.

Vier Modelle

Die Integration einer staatlich anerkannten Ausbildung ist aber schon lange nicht mehr die einzige Organisationsform des dualen Studiums. Neue Modelle sind hinzugekommen, vor allem die so genannten praxisintegrierenden Studiengänge. Ihr Name deutet es schon an: Bei diesen Angeboten gibt es ebenfalls längere Praxisphasen im Unternehmen, allerdings wird keine vollwertige Ausbildung integriert. Die Studierenden machen ein Langzeitpraktikum, schließen aber keine betriebliche Berufsausbildung ab. Dieses Modell ist heute die am häufigsten nachgefragte Variante des dualen Studiums.

Ein weiteres (nicht ganz so verbreitetes) Modell ist das berufsintegrierende duale Studium. Es richtet sich nicht an Berufsanfänger, sondern an Menschen, die schon eine betriebliche Ausbildung abgeschlossen haben und in der Regel auch bereits eine Weile im Berufsleben stehen. Für sie ist ein duales Studium eine Chance zur Weiterbildung. Typisches Prozedere: Die Studierenden arbeiten in ihrem bisherigen Job weiter, aber vorübergehend nur noch in Teilzeit, und nutzen die freigewordene Zeit für Vorlesungen an der Hochschule.

Als viertes Modell gibt es noch das berufsbegleitende duale Studium. Es richtet sich ebenfalls nicht an Berufsanfänger und ähnelt einem Fernstudium. Die Teilnehmer arbeiten größtenteils weiterhin Vollzeit in ihren bisherigen Jobs und werden von den Arbeitgebern nur hin und wieder für Präsenzseminare freigestellt. Sie absolvieren also ein Studium neben dem Beruf. Das Lernen findet größtenteils zu Hause in der Freizeit statt – oft am Computer mit E-Learning-Angeboten.

Vorteile für beide Seiten

Ein duales Studium hat viele Vorteile – sowohl für die Studierenden als auch für die beteiligten Betriebe. Die Unternehmen können junge Fachkräfte viel früher nach eigenen Bedürfnissen ausbilden und müssen dabei trotzdem nicht auf Mitarbeiter mit Hochschulbildung verzichten. Die Studierenden können ihr Wissen frühzeitig in der Praxis erproben und werden nach Abschluss des Studiums meist gerne in Festanstellung übernommen. Außerdem profitieren sie oft auch finanziell von Anfang an. Meist zahlen die Unternehmen nämlich nicht nur die Kosten für den dualen Studiengang selbst, sondern gewähren auch noch eine Ausbildungsvergütung.

Von den Studierenden wird dafür aber auch viel verlangt. Duale Studiengänge gelten als anspruchsvoll und arbeitsintensiv. Und wer keine guten Schulnoten vorweisen kann, hat zumindest bei den großen, bekannten Unternehmen nur geringe Chancen auf eine erfolgreiche Bewerbung. Zum Glück bieten mittlerweile auch aber auch viele kleinere Firmen Ausbildungsplätze für duale Studiengänge an. Wer ein wenig Geduld mitbringt, findet also meist etwas. Ein hoher Schulabschluss ist aber eigentlich immer Voraussetzung. Nur das berufsintegrierende duale Studium ist auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife möglich.

Angebote in der Baustoffbranche

Auch in der Baustoffbranche gibt es mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten für ein duales Studium. Viele Hersteller kooperieren mit (Fach-)Hochschulen oder Berufsakademien und ermöglichen damit ihren Auszubildenden auch einen akademischen Abschluss. Mitunter finanziert die Industrie sogar Stiftungsprofessuren. Mithilfe des Geldes bieten die Bildungseinrichtungen dann Studiengänge mit baustoffbezogenen Inhalten an.

Aber auch als Azubi im Baustoffhandel ist ein duales Studium vielerorts möglich. Zumindest bei großen Handelskonzernen wie SGBDD (Raab Karcher). Auch die Baustoffhandels-Kooperationen wie Eurobaustoff und Hagebau bieten ihren Azubis Möglichkeiten zum dualen Studium. Meist in einer betriebswirtschaftlichen Fachrichtung, oft mit spezieller Ausrichtung auf den Baustoffbereich. Sie kooperieren dafür mit Bildungseinrichtungen wie zum Beispiel der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach, die dual Studierende aus ganz Deutschland ausbildet.


Bitte beachten Sie: Der Inhalt dieses Beitrages stellt keine Rechtsberatung dar und kann die rechtliche Beratung im Einzelfall nicht ersetzen! Unser Anspruch ist es, immer rechtlich korrekte Artikel zur Verfügung zu stellen. Allerdings ändern sich Gesetze bzw. gesetzliche Regelungen häufig. Wir können daher keine Garantie für die aktuelle oder zukünftige Richtigkeit übernehmen. Im Zweifel wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an eine juristisch fundierte Person (z.B. Rechtsanwälte, Gewerkschaften, IHK etc.).

Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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