RM Rudolf Müller
Im Baustoffhandel gibt es zahlreiche größere und kleinere Kooperationen.

Im Baustoffhandel gibt es zahlreiche größere und kleinere Kooperationen.

Hintergrundwissen
17. März 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Welche Aufgaben haben die Baustoffhandels-Kooperationen?

In Deutschland sind heute so gut wie alle mittelständischen Baustoff-Fachhändler an eine Kooperation angeschlossen. Sie bleiben selbstständige Unternehmen, lassen aber einen Teil ihrer Unternehmensaufgaben von der gemeinsam finanzierten Kooperationsorganisation erledigen. Um welche Aufgaben es dabei geht, verrät der folgende Beitrag.

Als erste deutsche Baustoffhandels-Kooperation wurde 1964 die Hagebau gegründet. In der Soltauer Organisation schlossen sich anfangs 34 mittelständische Baustoffhändler zusammen, um den gemeinsamen Einkauf von Waren bei der Baustoffindustrie zu organisieren. Durch Mengenbündelung wollten die Mittelständler nicht zuletzt ihre Wettbewerbsposition gegenüber den großen Baustoffhandelskonzernen verbessern. Die Idee machte Schule, und es bildeten sich bald weitere Kooperationen.

Breites Aufgabenspektrum

Im Vergleich zu früher hat sich das Aufgabenspektrum dieser Verbundgruppen mittlerweile stark erweitert. Anfangs konzentrierten sich die Organisationen vor allem auf den gemeinsamen Einkauf, von der Industrie wurden sie deshalb mitunter abschätzig als „Bonus-Sammelvereine“ bezeichnet. Heute sind Kooperationen nicht nur im Einkauf tätig, sondern übernehmen für ihre Gesellschafter auch vielfältige Dienstleistungen im Vertriebsbereich. Das Angebot – das sich natürlich von Kooperation zu Kooperation unterscheidet – reicht von Marketingunterstützung über Hilfe bei der Sortiments- und Standortplanung bis hin zu Logistikleistungen (Zentrallager) und Mitarbeiter-Schulungen.

Hinzu kommt, dass zumindest die großen Kooperationen nicht nur Fachhandelskonzepte für Profis, sondern auch Einzelhandelskonzepte für Endverbraucher entwickeln. Denn seit den 1970er-Jahren wollen immer mehr Gesellschafter nicht nur klassische Baustoffhandels-Standorte betreiben, sondern auch Baumärkte. Folgerichtig entwickelten die Kooperationen auch Konzepte für solche Standorte. Die bekannteste Marke ist hier sicher „hagebaumarkt“. Aber auch andere Kooperationen bieten ihren Gesellschaftern Einzelhandelskonzepte.

Kooperationen in Deutschland

Die Hagebau-Zentrale in Soltau. Foto: hagebau

Die Hagebau-Zentrale in Soltau.

Mit Abstand die meisten Gesellschafter haben die beiden großen deutschen Baustoffhandels-Kooperationen Eurobaustoff (Bad Nauheim) und Hagebau (Soltau). Aktuell sind 474 Handelsunternehmen an die Eurobaustoff angeschlossen und 367 an die hagebau (Stand: Februar 2016). Insgesamt also knapp 850 Unternehmen mit zusammengenommen über 3.000 Standorten. Daneben gibt es noch eine Reihe kleinerer Kooperationen. Dazu gehören unter anderem der Baustoffring (Kaarst) mit 68 Mitgliedsbetrieben, der vor allem im süddeutschen Raum aktive Baustoff Verbund Süd (Dornstadt) mit 41 Gesellschaftern und die auf Dachbaustoffe spezialisierte Coba (Osnabrück) mit 37 Gesellschaftern (Stand: Februar 2016).

In den letzten Jahren ist bei den Kooperationen zudem ein Trend zur Internationalisierung zu beobachten. Vor allem Hagebau und Eurobaustoff haben bereits etliche Gesellschafter aus anderen Ländern aufgenommen – insbesondere aus den europäischen Nachbarstaaten. Kein Wunder: In Deutschland können die Verbundgruppen schließlich kaum noch wachsen, denn so gut wie alle mittelständischen Baustoff-Fachhändler gehören bereits einer Kooperation an.

Apropos Mittelstand: In den Kooperationen überwiegen zwar auch heute noch eindeutig die mittelständischen Unternehmen, aber der Gegensatz zu den Konzernen ist längst nicht mehr so eindeutig wie früher. So ist zum Beispiel der Konzern Bauking ebenfalls Gesellschafter der Hagebau. Und innerhalb der Kooperationen haben sich viele Mittelständler zu größeren Gruppen zusammengeschlossen – so genannten Allianzen –, die durchaus mit konzernähnlichen Strukturen am Markt operieren.

Zentraler Wareneinkauf

Das Kernangebot der Kooperationen an ihre Gesellschafter ist zweifellos auch heute noch der gemeinsame Einkauf. Indem die Kooperationszentralen Wareneinkäufe ihrer Gesellschafter bündeln, ergeben sich Mengenvorteile. Da die vielen einzelnen Unternehmen zusammengenommen größere Warenmengen von den Lieferanten der Baustoffindustrie abnehmen, können sie bessere Einkaufspreise erzielen und damit auch höhere Gewinnmargen für die Gesellschafter realisieren. Noch margenstärker sind Produkte, die Händler als Eigenmarken ihrer Kooperation anbieten. Solche Produkte werden zwar auch von industriellen Herstellern bezogen, aber da der Handel hier auf den oft klangvollen Namen der Industriemarke verzichtet, sind die Einkaufspreise günstiger.

Neben dem zentralen Einkauf bieten zumindest die großen Kooperationen auch eine zentrale Lagerhaltung. So verfügt die Eurobaustoff über sechs Zentrallager, bei der Hagebau sind es fünf. In diesen über ganz Deutschland verteilten Lagern halten die Kooperationen bestimmte Warengruppen zur zeitnahen Auslieferung an ihre Gesellschafter vor. Dabei geht es allerdings nur um Teilsortimente. Die Sortimentsbreite im Baustoff-Fachhandel ist viel zu umfangreich und von Standort zu Standort auch zu verschieden, als dass sich alles in den Zentrallagern der jeweiligen Kooperation bevorraten ließe.

Zentralfakturierung

Zum zentralen Einkauf gehört auch die so genannte Zentralfakturierung – oft auch Zentralregulierung genannt. Ein Baustoffhändler hat viele Lieferanten aus der Industrie. Manche davon arbeiten auch mit seiner Kooperation zusammen, manche nicht. Bestellt der Händler aber Ware bei einem Lieferanten, der bei der Kooperation gelistet ist, so ist das für ihn in der Regel vorteilhafter. Dann erfolgt die Rechnungsabwicklung (die Fakturierung) nämlich über die Kooperation. Und die kann meist wesentliche größere Bestellmengen der Ware aufgeben, indem sie die Nachfrage aller Gesellschafter zusammenfasst. So entstehen die so genannten zentralfakturierten Umsätze der Kooperation. Dabei geht es nicht nur um die Produkte, die in den Zentrallägern bevorratet werden. Auch wenn Baustoffhändler direkt bei der Industrie bestellen, erfolgt oft eine Warenbündelung über die Kooperation – wenn auch nur auf dem (Rechnungs-)Papier.

Dienstleistungen

Gesellschafterversammlung der Eurobaustoff 2015 in Leipzig. Foto: Eurobaustoff

Gesellschafterversammlung der Eurobaustoff 2015 in Leipzig.

Neben der zentralen Rechnungsabwicklung bieten die Kooperationen ihren Mitgliedern oft noch weitere Finanzmanagement-Dienstleistungen an – etwa kostengünstige Versicherungen, Leasingangebote oder Bilanzanalysen. Auch für die allgemeine Unternehmensberatung werden Experten beschäftigt – zumindest bei den großen Verbundgruppen. Die Zentrale berät Gesellschafter dann etwa bei neuen Standortplanungen, bei der Sortimentsgestaltung oder bei einem geplanten Lieferantenwechsel.

Die Mitglieder profitieren zudem von zentral bereitgestellten Werbemitteln. Egal ob Beilagen, Anzeigen, Plakate, Mailings oder der eigene Webshop: Die Zentralen entwickeln für alles Lösungen, die die Händler dann individuell auf ihre jeweiligen Standorte zuschneiden können. Nicht zuletzt bieten die Kooperationen auch Unterstützung bei der IT-Infrastruktur. Manche Verbundgruppen stellen komplette Warenwirtschaftssysteme zur Verfügung, die für das Geschäft im Baustoffhandel und für den reibungslosen Austausch mit der Kooperationszentrale optimiert sind.

Spezialisierungskonzepte

Es gibt Baustoffhändler, die als Generalisten ein sehr breites Angebot über alle Baustoffsortimente hinweg anbieten. Daneben gibt es aber auch immer häufiger Händler, die sich spezialisieren – zum Beispiel auf Trockenbau, Bauelemente oder Fliesen. Auch auf diese Entwicklung haben Kooperationen wie Hagebau und Eurobaustoff längst reagiert und Konzepte für spezialisierte Fachhandels-Standorte entwickelt. Bei der Eurobaustoff sind die Spezialisten in acht Fachgruppen organisiert, bei der Hagebau unterscheidet man insgesamt neun Spezialisierungssysteme des Fachhandels.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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