Deutschlands Städte sind auf die wachsenden Klima-Risiken durch Hochwasser und Hitze bislang ungenügend vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der RPTU Kaiserslautern. Sie fordert flächendeckende Klima-Risiko-Analysen und einen „Unwetter-Umbau“ der Städte.
„Im Fokus der Studie stehen drei Gefahren durch extreme Wetterlagen, gegen die vor allem der Staat, aber auch private Haus- und Wohnungseigentümer jetzt effektiv und entschlossen vorgehen müssen: Überflutungen und Hochwasser, Hitze, Trockenheit und Wassermangel in den Städten“, erläutert Prof. Theo Schmitt von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU Kaiserslautern).
Der Studienautor warnt: „Deutschland braucht dringend eine Klima-Risiko-Analyse für alle Städte und Gemeinden.“ Theoretisch ist das in Deutschland übrigens bereits Gesetz. Schmitt selbst geht in der Studie auf das seit Dezember 2023 geltende Klimaanpassungsgesetz ein, das Bund, Länder und Kommunen zur Erarbeitung von Klimaanpassungsstrategien auf der Grundlage von Klimarisikoanalysen verpflichtet. Dadurch werde „den Kommunen eine Mitwirkung in erheblichem Umfang abverlangt“, mutmaßt die Studie.
Weckruf für Städte und Gemeinden
Die Studie „ Vom Starkregenrisikomanagement zur klimaresilienten Stadt – Urbanes Regenwassermanagement als Beitrag zur Klimaresilienz “ wurde vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) in Auftrag gegeben und Mitte Mai in München auf der IFAT, der Weltleitmesse für Umwelttechnologien, vorgestellt. Studienautor Prof. Theo Schmitt versteht sein 67-seitiges Werk auch als „Weckruf“, Städte und Gemeinden in Deutschland gegen die Folgen von Starkregen , Hochwasser, Sturm, Hagel, Hitze und Trockenheit besser zu präparieren als bislang.

Angesichts der jüngsten Hochwasserkatastrophen in Niedersachsen und Bayern kommt der Appell sicher zur richtigen Zeit. Andererseits war die Wirkung früherer Weckrufe dieser Art bislang überschaubar. Prof. Schmitt hat in den letzten Jahren zum selben Thema nämlich schon mehrere andere Studien im Auftrag des BDB verfasst. BaustoffWissen berichtete darüber zuletzt vor zwei Jahren im Beitrag „ Starkregen-Management überfällig “.
In der neuen Studie fordert Schmitt einen „Unwetter-Umbau“ gewaltigen Ausmaßes. Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, Industrieanlagen, aber ebenso Straßen, Tunnel, Gleisanlagen und vor allem auch die Kanalisation müssten klimasicher saniert werden. Als Entwicklungsziel nennt er die „klimaresiliente Stadt“. Der Weg dorthin sei „ein Gemeinschaftswerk aller kommunalen Akteure, der politisch Verantwortlichen und der verschiedenen Planungsdisziplinen“ – so die Studie.
Vorsorge gegen Überschwemmungen
Im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Überschwemmungen in den Städten fordert der Studienautor, dass Städte und Gemeinden zu einem Starkregen-Risikomanagement verpflichtet werden müssten. Dazu gehöre die Bereitstellung von Gefahren- und Risikokarten , auf denen Straße für Straße – bis aufs einzelne Haus genau – die Überflutungsgefahr digital simuliert wird. Notwendig sei zudem ein bundesweites Frühwarn- und Informationssystem.

„Bei den Gefahren- und Risikokarten ist die Topografie mit lokalen Grünflächen und dem Gefälle wichtig“, erläutert Schmitt. „Außerdem natürlich die Meteorologie. Und es kommt entscheidend auch auf die Kapazität von Kanalsystemen an. Was wir dringend brauchen, ist eine systematische Analyse der örtlichen Gefahrenlage – eine ‚Übersetzung‘ von Regenmengen in die konkrete lokale Gefahr einer Überflutung.“
Als konkrete lokale Schutzmaßnahmen gegen Überschwemmungen nennt die Studie unter anderem eine verstärkte Anlage von Regenbecken, oberirdische Sammelflächen und Flutmulden. Aber auch Warnsysteme für Unterführungen beziehungsweise ein besserer Überflutungsschutz für Straßentunnel und unterirdische Gleisanlagen seien notwendig. Außerdem müssten vorhandene Engpässe im Kanalnetz beziehungsweise bei den vorgelagerten Entwässerungssystemen beseitigt werden.
Auch die privaten Hausbesitzer werden in die Pflicht genommen. Mithilfe von Starkregen-Risikokarten könnten sie ganz individuell gezielte Vorsorge und damit Gebäudeschutz betreiben – von der Dachbegrünung (zur Zurückhaltung und Verdunstung von Wasser) bis zum Bau von geschützten Kellereingängen, Lichtschächten und Tiefgarageneinfahrten.
Schmitt warnt davor, dass Thema zu verharmlosen, indem man es auf die bislang bekannten Starkregen-Hotspots beschränkt: „Heftige Gewitter mit anschließenden Überflutungen werden mehr werden – und sie werden immer mehr Kommunen treffen. Überhaupt werden Wetterextreme schlimmer – sie werden an immer mehr Orten, immer häufiger und heftiger auftreten“.
Schutz gegen Hitze und Wassermangel
Die Studie betrachtet aber nicht nur die Gefahren durch zu viel Wasser, sondern auch das Gegenteil: zunehmende Trockenheit und Wassermangel in den Städten. „Es wird höchste Zeit, dass die Rathäuser auf Hitze, Trockenheit und Dürreperioden reagieren“, fordert Schmitt. „Städte brauchen ein Netz an Grün- und Freiflächen – Grünanlagen als ‚Klima-Komfort-Inseln‘. Dabei müssen die Kommunen stärker auf Pflanzen setzen, die Trockenheit vertragen. Außerdem brauchen Städte mehr Frischluftschneisen und Schattenplätze.“
Begrünung empfehle sich zudem auch an Gebäuden – nicht nur, weil Gründächer oder Grünfassaden die Speicherflächen für Regenwasser erhöhen, sondern auch, weil sie in Hitzephasen zu einem erträglicheren Innenraumklima beitragen.
„Wichtig ist aber auch eine effektivere Nutzung des Regenwassers“, so der Studienautor. „Schon deshalb, weil immer weniger Grundwasser zur Verfügung steht. Das hat mit geringeren Schneefällen im Winter zu tun. Aber auch mit längeren Vegetationsperioden, die zu einer höheren Verdunstung führen.“ Die Folge seien weniger Grundwasser und gleichzeitig Niedrigwasser in Flüssen und Bächen. Die Städte müssten künftig in der Lage sein, deutlich mehr Regenwasser deutlich besser ‚aufzusaugen‘ – Stichwort „
Der Studienautor der RPTU Kaiserslautern plädiert dafür, Regenwasser verstärkt als Brauchwasser zu nutzen. Ebenso „ Grauwasser “ – also leicht verschmutztes Abwasser. So sollten Privathaushalte zum Beispiel Duschwasser künftig stärker auch für die Toilettenspülung nutzen.