Gebäude in Deutschland werden noch nicht ausreichend auf den voranschreitenden Klimawandel ausgerichtet – weder bei Sanierungen noch beim Neubau. Daher drohen sie im Sommer zunehmend zu überhitzen. Das zeigt eine neue Studie im Auftrag der Repräsentanz Transparente Gebäudehülle, die zudem wirksame Gegenmittel empfiehlt.
Der Klimawandel macht sich in Deutschland bereits heute deutlich bemerkbar. Die Anzahl heißer Tage hat deutlich zugenommen und wird voraussichtlich auch in den kommenden Jahrzehnten zunehmen. „Auf diese Entwicklung ist unser Gebäudebestand nicht vorbereitet“, warnt der Bauphysiker Dr. Stephan Schlitzberger vom Kasseler Ingenieurbüro Hauser. „Viele Gebäude werden im Sommer zunehmend überhitzen.“
Sonnenschutz statt Klimaanlage
Grundsätzlich ließe sich das Problem natürlich auch durch Kühlung mithilfe von Klimaanlagen lösen. Das würde allerdings zu einem massiven Anstieg des Energieverbrauchs führen. Schlitzberger setzt daher auf Sonnenschutzsysteme gegen die Gebäudeüberhitzung. Diese werden auch in der von Schlitzberger verfassten „Studie zur integralen Bewertung des sommerlichen Wärmeverhaltens“ empfohlen.

Die im August 2023 vom Ingenieurbüro Hauser veröffentlichte Studie simuliert, wie typische Wohnräume auf die künftige Klimaerwärmung reagieren – und wie sich eine Überhitzung wirkungsvoll auch ohne Klimatisierung verhindern lässt. Auftraggeber war die Repräsentanz Transparente Gebäudehülle, die in Berlin die Branchen Glas, Fenster, Fassade, Sonnenschutz und Automation vertritt. Die Lobby-Organisation wird vom Bundesverband Flachglas, vom Industrieverband Rollladen Sonnenschutz Automation, vom Verband Fenster + Fassade sowie von einigen in der Branche aktiven Industrieunternehmen getragen.
Tatsächlich scheinen die in Deutschland geltenden Normen zum Hitzeschutz mittlerweile veraltet. „Da die Norm-Vorgaben für den Sonnenschutz noch auf Klimadaten von 1988 bis 2007 basieren, sind selbst heutige Neubauten oft nicht einmal fit für die gegenwärtigen Sommer, erst recht nicht für die Sommer der Zukunft“, sagt Studien-Autor Stephan Schlitzberger. „Für Sanierungen gibt es gar keine gesetzlichen Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz. Das müssen wir ändern.“
Außenliegender Sonnenschutz empfehlenswert
Die Studie zeigt die gestiegene Überhitzungsgefahr am Beispiel eines typischen Wohn- und Esszimmers mit großer Fensterfront nach Süden. Für einen solchen Raum empfahl sich auch bisher schon ein guter Sonnenschutz. In der Regel ließ er sich aber bereits mit innen liegenden Schutzsystemen wie etwa Rollos, Innen-Jalousien oder

Durch den Klimawandel wird der gleiche Raum laut Schlitzberger in Zukunft in den Sommermonaten regelmäßig die 30-Grad-Marke überschreiten. Die Studie enthält aber auch eine positive Botschaft: Solche regelmäßigen Überhitzungen lassen sich auch in Räumen mit hohem Verglasungsanteil nahezu vollständig vermeiden, wenn ein wirksamer außenliegender Sonnenschutz – etwa ein Rollladen oder eine Außenjalousie – oder effektive Sonnenschutzverglasungen zum Einsatz kommen. Bei Sonnenschutzgläsern ist zu beachten, dass sie zwar im Sommer gut vor Hitze schützen, dafür aber unter Umständen im Winter weniger der dann erwünschten solaren Erwärmung zulassen.
Besonders wirksam ist der Sonnenschutz laut Studie, wenn er automatisch aktiviert wird und so auch bei Abwesenheit nicht in Vergessenheit gerät. Ergänzend verbessert auch eine konsequente Lüftung in der Nacht die Innentemperatur. Stephan Schlitzberger: „Werden diese Möglichkeiten im Neubau und bei Sanierungen gut genutzt, funktionieren unsere Gebäude. Fenster- und Glasflächen können in den kühleren Monaten durch die Sonneneinstrahlung kostenfreie Wärme liefern, ohne im Sommer zu Überhitzung zu führen.“
Von einer Klimaanlage als Alternative rät die Studie ab. „Soll das oben beschriebene Wohnzimmer ohne Sonnenschutz oder andere Maßnahmen auf 22 Grad gekühlt werden, wird dafür pro Jahr bis zu fünfmal so viel Nutzenergie wie für das Heizen im Winter gebraucht“, erläutert Schlitzberger. Mit wirksamen Sonnenschutzsystemen bei sonnenbeschienenen Glas- und Fensterflächen seien Klimaanlagen in den meisten Fällen ohne Komforteinbußen überflüssig. Je nach Gebäude können unter Umständen auch innenliegende Systeme bereits ausreichen. Nur in wenigen Fällen bleibe eine mechanische Kühlung trotz Sonnenschutz notwendig. Was im individuellen Fall richtig ist, sollte ein Fachmann ermitteln.
Schlüsse für die Baupolitik
Die Repräsentanz Transparente Gebäudehülle (RTG) fordert klare politische Vorgaben für einen wirksamen Sonnenschutz. Diese seien heute noch nicht gegeben. „Zunächst muss die Politik erkennen, wie wichtig der Überhitzungsschutz im Sommer in Zukunft wird“, sagt Thomas Drinkuth, Leiter der Repräsentanz. „Der Energieverbrauch für Klimaanlagen könnte im schlimmsten Fall ein größeres Problem werden als der für die Heizung.“

Notwendig sei eine zügige Überarbeitung der DIN-Norm DIN 4108-2 („Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden – Teil 2: Mindestanforderungen an den Wärmeschutz“). Diese orientiert sich noch an veralteten Klimadaten aus dem Zeitraum 1988 bis 2007 – als es noch deutlich weniger heiße Tage in Deutschland gab. Selbst für Neubauten gelten daher aktuell veraltete Mindestanforderungen. „Dass wir noch heute, mitten im Klimawandel, Gebäude so planen, als sei ein Sonnenschutz wie in den 90er-Jahren ausreichend, ist ein Unding“, findet Thomas Drinkuth. „Die Norm muss schnellstmöglich auf Klimadaten für die Zukunft umgestellt werden.“
Der RTG-Leiter fordert weiterhin Änderungen im gerade erst überarbeiteten Gebäudeenergiegesetz (GEG). Sonnenschutzsysteme müssten priorisiert werden, bevor eine Klimaanlage zum Einsatz kommt. Klimaanlagen sollten Sonnenschutz höchstens ergänzen, nicht ersetzen – heißt es in der Studie. Thomas Drinkuth: „Dafür brauchen wir perspektivisch eine überarbeitete und an den Klimawandel angepasste Anforderungssystematik für den sommerlichen Hitzeschutz. Bisher wird bei der Planung die Überhitzung berechnet und begrenzt. In Zukunft muss es auch um vermiedene Kühlungsenergie gehen.“