Eine kleine Schweizer Schreinerei hat gemeinsam mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ein standardisiertes Verfahren zur Herstellung von „Marmorholz“ entwickelt. Das besondere Holz für den Innenausbau oder kreative Möbel zeichnet sich durch Muster aus feinen schwarzen Linien aus, die es einem Pilz verdankt. Die Markteinführung erfolgt unter dem Namen „Myrai“.
Es begann alles mit ein paar gewellten schwarzen Linien, die Jakob Koster bei der Arbeit auf einem Stück Holz entdeckte. Der damalige Geschäftsführer der Schreinerei Koster AG Holzwelten aus Arnegg im Schweizer Kanton St. Gallen zeigte das Holzstück dem Empa-Forscher Francis Schwarze. Der erkannte die dunkle Musterung sofort als Spur eines Schlauchpilzes. Dieser unscheinbare Pilz ist vor allem als Schädling an Laubbäumen bekannt. Seine Fähigkeit, das dunkle Pigment Melanin zu bilden, macht ihn aber seit jeher auch zu einem Holzveredler.
Von der Idee zum Produkt
„Früher hat man Baumstämme für mehrere Monate in den Wald gelegt und gehofft, dass sie vom richtigen Pilz besiedelt werden“, erläutert der Pilzexperte Schwarze. Den Schreinereibesitzer Jakob Koster, der die Geschäftsführung des Unternehmens mittlerweile an seinen Sohn Tobias Koster abgegeben hat, ließ das Thema nicht los. Was, fragte sich der Geschäftsmann, wenn wir die begehrten Musterungen auf marmoriertem Holz nicht einfach der Natur und damit letztlich dem Zufall überlassen müssten, sondern vergleichbare Designs in einem standardisierten, skalierbaren Verfahren gezielt selbst herstellen könnten?

Aus der Idee wurde ein „Innosuisse“-Projekt. So nennt man in der Schweiz staatlich geförderte Innovationsprojekte, bei denen Forschungsinstitute oder Hochschulen gemeinsam mit Unternehmen wissenschaftsbasierte Innovationen mit klar erkennbarem Marktpotenzial entwickeln. Bei dem Projekt, um das es in diesem Beitrag geht, erforschte die Schreinerei Koster gemeinsam mit der Empa ein standardisiertes, skalierbares Verfahren zur Herstellung von Marmorholz. Das Produkt kommt nun unter dem Namen „Myrai“ auf den Markt.
Was früher ein seltener Zufallsfund im Wald war, könnte durch das Myrai-Angebot künftig häufiger im kreativen Innenausbau oder bei der Herstellung hochwertiger Möbel zum Einsatz kommen. Die Schreinerei Koster liefert das Marmorholz in Form von Brettern, die bis zu 2,5 m lang sein können. Das Material aus Arnegg ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem südamerikanischen Tropenholz „Serpent Wood“, das aufgrund seiner braunschwarzen Musterung auch häufig als Marmorholz bezeichnet wird, jedoch nicht durch Pilzveredelung entsteht.
Das Marmorholz aus der Schweiz wird dagegen tatsächlich durch kontrollierten Pilzbefall hergestellt. „Ich hätte nie gedacht, dass wir als kleines mittelständisches Unternehmen mit einem Forschungsinstitut wie der Empa so etwas Innovatives entwickeln können“, freut sich Schreiner Jakob Koster.
Kontrollierter Befall
Hergestellt wird das Myrai-Holz derzeit in einer denkmalgeschützten Halle auf dem Gelände der Schreinerei im Dorf Arnegg bei St. Gallen. Dort wurden Edelstahlcontainer, Labore sowie Klima- und Vakuumkammern untergebracht, die für den kontrollierten Pilzbefall notwendig sind.

In den Vakuumkammern wird das Holz auf die korrekte Feuchtigkeit gebracht und sterilisiert. Danach folgt das Einbringen des Pilzes. Anschließend bleiben die Bretter mehrere Wochen in einer Klimakammer, während der Pilz seine Verzierungen ins Holz zeichnet. Ist dies getan, wird das Holz technisch getrocknet. Dabei stirbt der Pilz ab. Der gesamte Prozess hat im Übrigen keinen negativen Einfluss auf die Biegesteifigkeit des Holzes.
Dank des Know-hows, das im Laufe des Projekts mit der Empa entstanden ist, kann Koster das Erscheinungsbild der dunklen Melanin-Muster mittlerweile sogar gezielt steuern. Das Marmorholz mit seinen tanzenden Linien eignet sich besonders für dekorative Anwendungen, beispielsweise für Möbel und den Innenausbau, aber auch für Musikinstrumente und sogar Schmuck.
Für die Herstellung von Marmorholz eignen sich zahlreiche Laubholzarten . Koster setzt stark auf einheimische Arten wie Ahorn, Buche, Esche, Linde und Pappel, die in der Schweiz bisher überwiegend verheizt werden.
Erfindergeist und Glück
Innovation braucht nicht bloß eine gute Idee, sondern auch eine Menge Arbeit, um aus interessanten Laborergebnissen marktfähige Produkte zu machen. Das weiß keiner besser als der Chemiker Lewis Douls, der ursprünglich im Rahmen seines Zivildienstes an die Empa kam. Die Arbeit im Pilzlabor begeisterte ihn so sehr, dass er beim Forschungsinstitut blieb – bis er dann vor ein paar Jahren zu Koster AG Holzwelten wechselte, um die Aufgabe der Hochskalierung der dortigen Marmorholz-Produktion zu übernehmen.
Bestimmte Pilze kontrolliert zu kultivieren ist ein Hightech-Unterfangen. Die Bedingungen, die der Melanin-produzierende Schlauchpilz zum Wachsen braucht, sind nämlich auch für zahllose anderen (unerwünschte) Pilzarten ideal, und Pilzsporen gibt es überall. „Die Sterilität war die größte Herausforderung“, erinnert sich Douls.
Hinzu kam die Anforderung der Wirtschaftlichkeit. Ein vollständig ausgestattetes Biotechnologie-Labor sprießt nun mal nicht wie ein Pilz aus dem Boden. Kostspielige Geräte wie Autoklaven zur Sterilisation und Vakuumkammern zur Holzbefeuchtung mussten angeschafft werden. Hier half der Koster AG Holzwelten ihr Erfindergeist – und eine gute Portion Glück. Einen Großteil der Klimakammern konnte das Unternehmen von einem ehemaligen Speisepilzzüchter übernehmen. Die Laborausrüstung kam von der ETH Zürich, von der die Firma mit einem Umbau beauftragt wurde.
Markteinführung hat begonnen
Empa-Forscher Francis Schwarz ist beeindruckt von der Arbeit seiner Projektpartner: „Es ist nicht selbstverständlich, dass ein KMU sich so viel Wissen aneignet und ein eigenes Labor aufbaut“. Inzwischen, da sind sich Schwarze und Douls einig, ist die Schreinerei sogar besser für die Zucht des Holzpilzes ausgestattet als das Empa-Labor, in dem das Projekt seinen Anfang nahm.
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Nun sind die anfänglichen Herausforderungen gemeistert, die Produktionsanlage ist in Betrieb, und die Pilze tun in den klimatisierten Containern ihr dekoratives Werk. Der nächste Schritt, weiß Geschäftsmann Jakob Koster, ist der Verkauf. Eine Website, über die man auch Materialmuster anfordern kann, existiert bereits (Direktlink hier ).