Ein großer Abbruchbagger reißt bei strahlend blauem Himmel das Dach eines mehrstöckigen Wohngebäudes ab.
Das Fraunhofer IBP schätzt, dass drei Viertel aller zwischen 1930 und 1993 in Deutschland errichteten Gebäude asbesthaltige Baustoffe enthalten. (Quelle: Pixabay)

Forschung 2026-09-15T07:00:00Z Asbest-belastete Baustoffe recyceln?

Schätzungsweise drei Viertel aller Gebäude in Deutschland, die zwischen 1930 und 1993 errichtet wurden, enthalten asbesthaltige Baustoffe. Bei Sanierung und Rückbau drohen – ohne geeignete Schutzmaßnahmen – gesundheitliche Gefahren für die ausführenden Personen. Wird Asbest vermutet oder nachgewiesen, gelten die Baustoffe bisher in der Regel als gefährlicher Abfall. Das Fraunhofer IBP arbeitet nun daran, belastetes Material aufzubereiten und wieder in Stoffkreisläufe zurückzuführen.

Um neue Verfahren für die Analyse und sichere Aufbereitung asbest-belasteter Baustoffe zu entwickeln, betreibt das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP an seinem Standort in Holzkirchen südlich von München ein spezialisiertes Schadstofflabor. „Fehlende Verfahren für eine sichere Trennung und Aufbereitung bremsen die Recyclingwirtschaft deutlich aus“, erläutert Christian Kaiser, Abteilungsleiter Mineralische Werkstoffe und Baustoffrecycling. Ein Problem, das in Zukunft immer größer werden dürfte, denn in den nächsten Jahren müssen viele potenziell asbestbelastete Bauwerke saniert werden.

Asbest-Bauschutt nimmt zu

Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, wissen auch viele Akteure in der Baubranche erst seit einigen Jahren. Genauer gesagt seit zunehmend darüber berichtet wird, dass Asbestfasern vor ihrem Verbot (1993) eben nicht nur Bestandteil von Faserzementplatten für Dach und Fassade waren, sondern auch unterschiedlichsten Mörtelprodukten wie Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern beigemischt wurden. Weitere Infos zu diesem Thema bietet der BaustoffWissen-Beitrag „ Was ist PSF-Asbest? “.

Eine Person mit orangefarbenem Schutzhandschuh hält einen weißen Behälter mit Gefahrensymbolen vor eine geöffnete, grau umrandete Klappe in einer leuchtend gelben Wand.
Schadstoffbelastete Proben werden von außen in das Labor Holzkirchen gebracht. (Quelle: Fraunhofer IBP / F. Bachmeier)

Es ist also zu erwarten, dass in Zukunft die Menge des Bauschutts, der aus Bauwerken mit Asbestproblematik stammt, stark zunehmen wird. Werden die zu erwartenden Mengen allesamt als gefährlicher Abfall behandelt, könnten Deutschlands Deponien schnell Platzprobleme bekommen, und der Traum von einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft im Bauwesen wäre ausgeträumt, bevor er richtig begonnen hat. Zumal davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Mörtelprodukte nicht nur in Häusern, sondern auch in vielen Großbauwerken der deutschen Infrastruktur stecken.

Mit den für die nächsten Jahre geplanten Sanierungs- und Infrastrukturprogrammen (Stichwort: Sondervermögen) dürfte das Thema weiter an Bedeutung gewinnen. Christian Kaiser: „Ist in Brücken Asbest verbaut, muss das gesamte Baumaterial als Gefahrenstoff betrachtet werden. Materialien, die sich eigentlich wiederverwenden ließen, landen im teuren Sondermüll, weil Verfahren für einen sicheren Umgang fehlen.“

Elektrodynamische Fragmentierung

Das Fraunhofer IBP will diese Lücke schließen und risikobehafteten Bauschutt künftig wieder nutzbar machen – eine Lösung, die auch vor dem Hintergrund knapper Ressourcen für die Industrie ausgesprochen sinnvoll wäre. Die Forschenden setzen dabei auf die so genannte elektrodynamische Fragmentierung. Mit diesem Verfahren lassen sich Verbundwerkstoffe ohne großen Qualitätsverlust in ihre Ursprungsbestandteile zerlegen. Man kann also zum Beispiel aus Beton wieder Sand , Kies und Zement gewinnen.

Ein Forscher mit Schutzausrüstung und Atemschutzmaske arbeitet an einer Handschuhbox, wobei ein schwarzer Schutzhandschuh in das Innere der Sicherheitskabine ragt, um mit Proben zu arbeiten.
Erst in der Probenkammer wird das belastete Material entnommen. (Quelle: Fraunhofer IBP / F. Bachmeier)

Bei der elektrodynamischen Fragmentierung (EDF) werden die Verbundmaterialien unter Wasser zwischen zwei Elektroden gelegt und dann kurzen Hochspannungsimpulsen ausgesetzt. Dabei wird das Material entlang der Phasengrenzen (zum Beispiel Kies und Zementstein) explosionsartig gesprengt. Im Schadstofflabor hat das Fraunhofer IBP untersucht, unter welchen Bedingungen sich mit dieser Methode auch Asbestfasern zuverlässig vom Material trennen lassen.

Speziell für die EDF-Behandlung asbestbelasteter Baustoffe entwickelten die Forschenden ein geschlossenes Prozesssystem, das selbst bei hohen Belastungen ein Austreten von Fasern verhindern soll. Zumindest im Labormaßstab scheint das Verfahren schon gut zu funktionieren. „Die Menge an Bauschutt, die deponiert werden muss, lässt sich so auf etwa ein Drittel reduzieren“ glaubt Christian Kaiser.

Den Praxistest wird die Aufbereitungsmethode im Projekt ReAsCon bestehen müssen (Laufzeit: 11/2025 – 10/2028). Im Rahmen dieses Projekts beteiligen sich die Fraunhofer-Forschenden am Rückbau einer Hochstraße in Ludwigshafen, bei dem in den nächsten fünf Jahren über 300.000 Tonnen asbestbelasteter Beton anfallen wird.

Asbest in Echtzeit erkennen

Für die Bauwirtschaft und ihre Mitarbeitenden ist natürlich auch eine schnelle und verlässliche Identifikation von Asbest von entscheidender Bedeutung. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung hat das Fraunhofer IBP dafür ein optisches Detektionsverfahren entwickelt. Dieses nutzt die Eigenschaft von Asbestfasern, je nach Lichteinfall ihre Farbe zu verändern (Pleochroismus).

Mithilfe dieses Detektionsverfahrens wollen die Forschenden belastete Materialien großflächig und berührungsfrei identifizieren, perspektivisch auch direkt auf der Baustelle oder in Recyclinganlagen. Das Verfahren ist zum Patent angemeldet, nach Angaben des Fraunhofer IBP existiert auch bereits ein Handdetektor als Prototyp.

Das Verfahren könnte die Asbest-Analytik revolutionieren, vor allem wegen des Zeitgewinns. Klassische Laboranalysen gelten als präzise, sind jedoch zeitaufwändig. Zwischen Probenahme und Auswertung können mehrere Wochen liegen – in dieser Zeit steht die Baustelle still. Mit dem Handdetektor dagegen winkt die Asbest-Erkennung in Echtzeit.

Neben dem Handdetektor hat das Fraunhofer IBP nach eigenen Angaben übrigens auch eine Methode entwickelt, mit der sich Asbestfasern schnell und im laufenden Betrieb auch in der Luft nachweisen lassen.

zuletzt editiert am 10. September 2026
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