Mit Wasserstoff betriebene Lkw werden schon seit Längerem erprobt, doch erst kürzlich sind die ersten serienreifen Modelle auf den deutschen Markt gekommen. Zu den Vorreitern zählen Hersteller wie Hyundai und Hyzon, zu den ersten Nutzern gehört mit Wego auch ein Unternehmen aus der Baustoffhandelsbranche. Auch wenn die H 2 -Schwerlastmobilität hierzulande noch ganz am Anfang steht, ist in den letzten Monaten eine gewisse Aufbruchstimmung zu beobachten.
Wenn Lkw Wasserstoff tanken, verfügen sie bisher in der Regel über Brennstoffzellen -Technologie. In der Brennstoffzelle der Fahrzeuge entsteht durch Wasserstoffverbrennung Strom, der wiederum einen Elektromotor antreibt. Es handelt sich also im Grunde um E-Lkw, die ihren Strom selbst produzieren. Vorausgesetzt, der verwendete Wasserstoff (H 2 ) wurde mit grünem Strom produziert, ergibt sich ein komplett dekarbonisiertes System. Als „Abgas“ fällt nämlich nur sauberer Wasserdampf an.
Verglichen mit den im Schwerlastverkehr dominierenden Diesel-Lastern wären H 2 -Lkw daher ein Segen für Umwelt und Klima. Jenseits der Brennstoffzellen-Technologie arbeiten Fahrzeughersteller wie BMW, Deutz, DAF, Volvo oder Toyota übrigens auch an Wasserstoff-Verbrennungsmotoren. Bei dieser Variante wird ein Motor direkt durch Verbrennung von Wasserstoff betrieben. Der Zwischenschritt der Stromerzeugung für einen Elektromotor entfällt. Es handelt sich im Prinzip um die bisherigen Verbrenner, nur in modifizierter Form und ohne schädliche Abgase. Im Gegensatz zur Brennstoffzelle sind H 2 -Verbrennungsmororen bislang aber noch nicht marktreif.
Erster serienreifer H 2 -Lkw
Der erste in Deutschland zugelassene Wasserstoff-Lkw aus Serienfertigung stammt vom südkoreanischen Automobilhersteller Hyundai. Das Modell „XCIENT Fuel Cell“ ist ein 36-Tonner auf Brennstoffzellenbasis und verspricht im vollbetankten Zustand rund 400 Kilometer Reichweite. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 85 km/h. Das Fahrzeug verfügt über insgesamt sieben Wasserstofftanks, die zusammen eine Speicherkapazität von rund 31 kg Kraftstoff bieten. Ein 72-kWh-Batteriesatz fungiert als zusätzliche Energiequelle. Der in der Brennstoffzelle entstehende Strom treibt einen 350-kW-Elektromotor an.
Auf deutschem Boden kam der Schwer-Lkw erstmals am Stuttgarter Standort der Mitea GmbH zum Einsatz. Das mittelständische Unternehmen mit Stammsitz in Mülheim an der Ruhr vermietet Veranstaltungsausstattungen und legt dabei viel Wert auf nachhaltige Geschäftsprozesse. Seit Dezember 2022 setzt Mitea in Stuttgart nun auf den XCIENT Fuel Cell und damit auf eine Dekarbonisierung des schweren Straßengüterverkehrs.
Doch warum Wasserstoff? Schließlich gibt es doch auch bereits reine E-Lkw , die mit Strom betankt werden. „ Batterieelektrik hilft uns bei unseren sehr speziellen Anforderungen tatsächlich nicht weiter “, heißt es dazu auf der Website www.mitea.de . Im Party- und Veranstaltungsgeschäft seien die Ausliefer- und Abholbedingungen sehr schwankend, man wisse nie auf die Stunde genau, wohin man was wann transportieren müsse. Unter solchen Bedingungen seien E-Lkw mit ihren noch geringen Reichweiten und starren Ladezyklen über Nacht „ schlicht nicht abbildbar “.
Der H 2 -Lkw von Hyundai dagegen passe zu den eigenen Anforderungen. „ Da sind wir sowohl in Sachen Reichweite als auch mit der Möglichkeit spontaner und schneller Betankung auf der sicheren Seite “, argumentiert Mitea auf seiner Website.
Wego startet ins Wasserstoffzeitalter
Als erster Baustoffhändler Deutschlands setzt seit diesem Jahr auch Wego auf den serienreifen Hyundai-Lkw – und zwar am Standort Berlin. „Wasserstoff ist ein emissionsfreier Brennstoff, dessen Einsatz zu einer deutlichen Reduzierung der Klimabelastung im Vergleich zu fossilen Brennstoffen führt“, erläutert Michael Abersfelder, Geschäftsführer der vor allem auf Trockenbau-Materialien spezialisierten Wego Systembaustoffe GmbH , die über 50 Handelsstandorte in ganz Deutschland betreibt und zum britischen Konzern SIG gehört.
Auch bei Wego schätzt man insbesondere die hohe Reichweite und die vergleichsweise kurzen Tankzeiten des Lkw. „Wasserstoff ist reale ökologische Energietechnologie mit Zukunftsperspektive“, findet Michael Abersfelder. Bei Wego versteht man den eigenen Eintritt ins Wasserstoffzeitalter zudem als Signal an die Kunden. „Als Baustoffhändler können wir Nachhaltigkeit in Immobilien, Produkten, Abfällen und Logistik beeinflussen“, erklärt Abersfelder, „wasserstoffbetriebene Nutzfahrzeuge sind hierbei ein Baustein, der neben Umweltaspekten auch Reichweiten und Verfügbarkeit sicherstellen wird.“
„Pay per use“-Mietmodell
Sowohl Mitea als auch Wego haben ihre Wasserstoff-Lkw übrigens nicht gekauft, sondern gemietet. Beide nutzen das „Pay per use“-Mietmodell der Hylane GmbH . Das Kölner Unternehmen bietet nach eigenen Angaben „klimaneutrale Mobilität zur Miete“ und hat sich dabei auf Wasserstoff-Lkw spezialisiert. Für die Kunden minimiert das Mietmodell den Investitionsaufwand. Zudem haben sie die Möglichkeit, die neue Technik im Arbeitsalltag erst einmal zu erproben, bevor sie sich vielleicht irgendwann doch für den Kauf von Wasserstoff-Fahrzeugen entscheiden. Der Nutzungsvertrag umfasst auch Service und Wartung sowie Versicherungen und Steuern. Im Mietpreis berücksichtigt werden zudem Fördergelder der Behörden.
Apropos Förderung: Die ist in der Tat weiterhin notwendig, damit sich die Wasserstoff-Technologie im Bereich der Automobilität durchsetzen kann. Die Bundesregierung fördert Investitionen in H 2 -Fahrzeuge und unterstützt den notwendigen Ausbau der Infrastruktur. Ziel ist es, die Verfügbarkeit von Wasserstofftankstellen zu steigern, und natürlich müssen mittelfristig auch die Preise für den Rohstoff sowie die Fahrzeuge sinken. Auch für die aktuell 44 Wasserstoff-Lkw umfassende Hylane-Flotte gab es Fördermittel durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr – und zwar aus dem Förderprogramm für klimaschonende Nutzfahrzeuge und Infrastruktur ( KsNI ).
Premiere für 40-Tonner-Zugmaschine

Vor ein paar Wochen hat der Vermieter Hylane nach eigenen Angaben auch die erste für den regulären Betrieb in Deutschland zugelassene 40-Tonner-Zugmaschine mit Wasserstoff-Antrieb auf die Straße gebracht. Der Logistikdienstleister DB Schenker setzt das Fahrzeug des amerikanischen Herstellers Hyzon nun im täglichen Verkehr zwischen seiner Kölner Geschäftsstelle und dem belgischen Eupen ein. Der Betankungsvorgang der Zugmaschine dauert etwa 15 Minuten, die Reichweite beträgt rund 400 Kilometer.
„Gemeinsam mit DB Schenker die erste Wasserstoff-Sattelzugmaschine in Deutschland in den Einsatz zu bringen, ist ein wichtiger Erfolg“, sagt Hylane-Geschäftsführerin Sara Schiffer. „DB Schenker nimmt mit der Erprobung der Fahrzeuge eine Vorreiterrolle ein. Zusammen sammeln wir wichtige Erfahrungen für einen Markthochlauf von Wasserstoffmobilität in Deutschland.“
Der Hylane-Kunde DB Schenker scheint aber bereits überzeugt von der H 2 -Technologie. „Weitere Wasserstoff-Zugmaschinen sind geplant“, sagt jedenfalls Ralf Többe, Executive Vice President Land Transport Deutschland.
Wasserstofftankstellen auf dem Vormarsch

Um die Versorgung seiner H 2 -Fahrzeugflotte sicherzustellen, hat der Vermieter Hylane eine Kooperation mit H 2 Mobility aufgebaut. Dieses Unternehmen betreibt bundesweit Wasserstofftankstellen und erhält für deren Errichtung natürlich auch öffentliche Fördergelder. Sein erstes Zwischenziel – die Schaffung von 100 Wasserstoffstationen in sieben deutschen Ballungszentren (Hamburg, Berlin, Rhein-Ruhr, Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart und München) – hat die 2015 gegründete Firma bereits erreicht. Zu den Gesellschaftern von H 2 Mobility gehören unter anderem die Konzerne Daimler, Linde, Air Liquide, OMV, Shell sowie Total – und eben auch Hyundai.
Mitte Januar hat H 2 Mobility am Tempelhofer Weg in Berlin eine der leistungsstärksten Wasserstofftankstellen Europas eröffnet. Die dortige Tankstellentechnik stammt vom Industriegase- und Technologieunternehmen Air Liquide. Der neue Standort ist die mittlerweile fünfte Wasserstofftankstelle in Berlin und erlaubt auch das Betanken von schweren Lkw und Bussen mit Wasserstoff bei 350 bar. Die meisten bisher existierenden H 2 -Tankstellen ermöglichen nur das Aufladen bei 700 bar – eine Variante, die auf Pkw und leichte Nutzfahrzeuge abgestimmt ist.
„Mit Wasserstoff bei 350 bar können schon heute schwere Nutzfahrzeuge mit E-Antrieb mit Megawatt-Geschwindigkeit auftanken“, erläutert Nikolas Iwan, Geschäftsführer der H 2 Mobility Deutschland. „Unser Ziel ist, in den nächsten vier Jahren bis zu 120 weitere Standorte deutschlandweit zu ergänzen.“ Dabei sollen auch gleich die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einen Infrastrukturaufbau für künftige H 2 -Lkw mit Reichweiten > 800 km und Bedarfen > 60 kg ermöglichen.
Wichtige Praxiserfahrung
Aktuell scheint in Deutschland rund um Wasserstoff-Lkw eine Art Aufbruchstimmung zu entstehen. Aufbruch heißt aber eben auch, dass man noch ganz am Anfang entsteht. Trotz erster serienreifer Modelle befindet sich die H 2 -Schwerlastmobilität insgesamt noch im Erprobungsmodus. Das sieht man auch beim Fahrzeugvermieter Hylane so. Geschäftsführerin Sara Schiffer: „Den ersten Wasserstoff-Lkw auf deutsche Straßen zu bringen ist ein wichtiger Schritt für uns und unsere Partner. Es gibt eine Vielzahl theoretischer Studien zum Einsatz von Wasserstoff, aber zu wenig belastbare Praxiserfahrung.“
Zumal technisch funktionierende Fahrzeuge allein ja noch nicht reichen. Jenseits von Leuchtturmprojekten fehlt hierzulande in der Fläche noch fast überall eine ausreichende Infrastruktur – also vor allem H 2 -Tankstellen, aber natürlich auch grüner Wasserstoff. Außerdem sind die bisher erhältlichen Wasserstoff-Lkw noch sehr teuer, nicht zuletzt deshalb setzen die meisten Nutzer bisher auf Miet- oder Leasingmodelle.
Wirklich durchstarten kann die Wasserstoffmobilität hierzulande aber erst, wenn das Gesamtpaket stimmt, wenn es also genügend bezahlbaren grünen Wasserstoff, ein flächendeckendes Tankstellennetz und deutlich preiswertere Fahrzeugangebote gibt.
Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen . Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis . Kontakt: freierjournalist@rolandgrimm.com