RM Rudolf Müller
Ankerschienen

Typische C-förmige Ankerschiene mit drei Bolzen. Daneben: Profil mit Hakenkopfschraube.

Befestigung
21. August 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Ankerschienen für die stabile Befestigung an Betonbauteilen

Wer schwere Lasten an Beton oder Stahlbeton befestigen möchte, kann dafür geeignete Dübel verwenden. Seit rund 100 Jahren gibt es aber auch eine Alternative: so genannte Ankerschienen. Dabei handelt es sich um Stahlprofile, die direkt in die Betonbauteile eingegossen werden und spezielle Befestigungsschrauben aufnehmen können. Der Vorteil: Es lassen sich unterschiedlichste Lasten flexibel über die gesamte Schienenlänge befestigen, und man kann sie jederzeit unkompliziert austauschen oder durch weitere Befestigungsgegenstände ergänzen.

Ankerschienen gibt es in zahlreichen Längen: Das Spektrum reicht von gerade mal 10 cm bis hin zu Sechs-Meter-Riesen. Die Stahlteile ähneln Trockenbauprofilen, wie man sie für die Konstruktion leichter Zwischenwände kennt. Mit einem entscheidenden Unterschied: Auf der Rückseite des Profils sind bei Ankerschienen so genannte Rundanker aufgeschweißt (auch Bolzen genannt).

Schiene-Schraube-Verbindung

Für Ankerschienen werden normalerweise C-Profile verwendet. Deren Stahl ist so gebogen, dass der Hohlraum – im Querschnitt betrachtet – die Form des Buchstabens C bildet. Erst durch diese Form wird es überhaupt möglich, die speziellen Befestigungsschrauben passgerecht in das Profil einzuhaken. Man unterscheidet hier nach der Form zwischen Hakenkopf- und Hammerkopfschrauben.

An diesen Schrauben können nun Lasten aller Art befestigt werden. Dabei ist es ein großer Vorteil, dass die Schrauben entlang der Schiene verschiebbar sind. Die Lasten können also an einem beliebigen Punkt in den Schlitz der Ankerschiene eingesetzt werden. Durch einen speziellen Mechanismus werden sie per 90°-Drehung fest angezogen. Aber auch ein direktes Anschweißen von Lasten an die Ankerschiene ist möglich. Um die Schiene-Schraube-Verbindung nutzen zu können, muss das Profil natürlich richtig herum einbetoniert werden, sodass der Schlitz nach außen zeigt.

Würde man ein normales Trockenbauprofil in eine Wandoberfläche einbetonieren, wäre dies nicht besonders stark belastbar. Entscheidend für die Stabilität von Ankerschienen sind die Bolzen, die tief in den Beton (oder meist: Stahlbeton) hineinragen. Diese sind im Grunde genommen nichts anderes als Stahlanker, wie man sie aus dem Bereich der Schwerlastdübel kennt. Da sie nicht einfach in ein Bohrloch gesteckt, sondern komplett einbetoniert werden, wirken sie wie Verbunddübel und sind extrem fest mit dem Untergrund verbunden. Der große Unterschied zum chemischen Schwerlastdübel ist natürlich, dass die Bolzen über den Steg des Stahlprofils miteinander verbunden sind. Die Last eines Gegenstandes, der an einer Ankerschiene befestigt wird, verteilt sich daher auf eine viel größere Fläche und greift nicht nur an einem Punkt an.

Wo werden Ankerschienen verwendet?

Ankerschienen

Ankerschienen in der Praxis: Befestigung von Rohrleitungen, Bahnoberleitungen und Aufzugsführungsschienen.

Das Einsatzspektrum der Ankerschiene ist vielfältig. Typische Anwendungen sind zum Beispiel die Befestigung von vorgehängten Fassaden an Betonaußenwänden oder die Geländerbefestigung an der Betonplatte eines Balkons. Auch bei Tragkonstruktionen für Kabel, Rohrleitungen oder Lüftungssysteme, die an Betonwände oder -decken befestigt werden, spielen die Schienen oft eine Rolle. Die Befestigung von Oberleitungen auf Bahnstrecken ist ein weiteres Verwendungsbeispiel. Und auch zur Befestigung der Führungsschienen von Fahrstuhlkabinen wird das System häufig eingesetzt. Weiterhin dienen Ankerschienen auch zur Fixierung von Gegenständen in Betonböden. Beispiele dafür sind Sitzschalen im Fußballstadion oder die Verankerung von Industriemaschinen im Fabrikhallenfundament.

Ankerschienen verbinden zudem auch Gebäudebauteile untereinander – insbesondere im Betonfertigteilbau. Oder man setzt sie als Maueranschlussschiene ein, um eine gemauerte Wand mit einer Betonwand zu verbinden. Ein weiteres Beispiel ist die Befestigung des Dachstuhls auf einem Rohbau. Hier werden die Holz-Dachsparren oft über eine Ankerschiene mit dem Betonringbalken verbunden.

Wer hatte die Idee?

Erfunden wurde die Ankerschiene 1913 vom Norweger Anders Jordahl. Der hatte sechs Jahre zuvor gemeinsam mit dem schwedischen Bauingenieur Ivar Kreuger in Berlin ein Unternehmen zum Vertrieb des so genannten Kahneisens gegründet. Dabei handelte es sich um ein frühes Bewehrungselement für Stahlbetonbauten, das der deutsch-amerikanische Bauingenieur Julius Kahn 1903 in den USA entwickelt hatte. Anders Jordahl und Ivar Kreuger hatten die Europarechte zum Verkauf des Kahneisens erworben. Der Zweck ihrer Firma bestand zunächst ausschließlich im Vertrieb dieses Produktes. Das änderte sich mit der Erfindung der Ankerschiene.

Mit dieser Idee hatte Jordahl eine praktische Lösung für ein Problem gefunden, das viele seiner damaligen Kunden aus der Industrie hatten. Fabrikbesitzer waren damals noch häufig skeptisch gegenüber der modernen Stahlbetonbauweise, weil diese nur begrenzte Möglichkeiten zu bieten schien, um Kabel, Rohrleitungen, Maschinen, Beleuchtungsvorrichtungen oder andere Gegenstände in den Betonflächen zu verankern. Zwar konnte man überall Stahlanker einbetonieren, aber dafür musste man bereits vorm Bau der Fabrik exakt vorausplanen, an welchen Stellen die Lasten angebracht werden sollten. Die Ankerschiene bot in diesem Zusammenhang deutlich mehr Flexibilität. Das machte sie zum Erfolgsprodukt für Anders Jordahl und Ivar Kreuger, aus deren Firma der heutige Befestigungsspezialist Jordahl hervorgegangen ist.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

Schwerlastdübel ohne Chemie

Eine Dübelvariante für Schwerlasten wurde bereits im Fachwissenbeitrag über chemische Befestigungen vorgestellt: Verbundanker, die mithilfe eines Spezialmörtels in das Bohrloch eingeklebt werden. Doch es gibt auch Schwerlastdübel ohne Chemie. Zu nennen sind hier insbesondere Metallspreizdübel und so genannte Hinterschnittanker. Als weitere Lösung ...

mehr »
 

Schwerlastdübel mit Chemie

Im Fachwissen-Beitrag über Hohlraumdübel ging es unter anderem um die Befestigung von Lasten an Wänden, die aus Lochsteinen gemauert sind....

mehr »
 

Metallprofile sind das Rückgrat des modernen Trockenbaus

Der Trockenbau ist eine Leichtbauweise, bei der man mit dünnen Plattenwerkstoffen arbeitet. Eine Standard-Gipskartonplatte ist zum Beispiel nur 12,5 mm...

mehr »
Nach oben
nach oben