RM Rudolf Müller
Wandfarben und Wohngesundheit

Auch bei Wandfarben stellt sich die Frage nach der Wohngesundheit. Foto: Helene Souza / www.pixelio.de

 
Boden und Wand
22. Mai 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Innenbereich: So gesund sind Farben

Farben sind flüssig. Man ist geneigt, dieser Aussage sofort zuzustimmen. Aber stimmt sie denn? Sind die Anstrichstoffe, wenn sie erst einmal als dünner Oberflächenfilm unsere Wände schmücken, nicht eher fest? Stimmt auch wieder. Die Farben sind eben nur vor der Verarbeitung flüssig und eine zeitlang danach. Und zwar deshalb, weil ihre festen Bestandteile zunächst in einer Flüssigkeit aufgelöst sind: dem Lösungsmittel. Dieses verdunstet nach der Verarbeitung, und deshalb trocknet der Anstrich und wird dabei fest. Beim freigesetzten Lösungsmittel-Dunst stellt sich jedoch die Frage: Wie wohngesund ist er?

Bei den Lösungsmitteln in klassischen Innenfarben handelt es sich in der Regel um chemische Stoffe aus der Gruppe der flüchtigen organischen Verbindungen (siehe Fachwissenbeitrag VOC). Diese sind leider oft schädlich für den Menschen, wenn er sie mit der Raumluft einatmet. Sie können beispielsweise zu Benommenheit, Schwindel und Kopfschmerzen führen, oder Allergien und langfristig auch Krebs auslösen. Deshalb müssen frisch gestrichene Räume so lange gelüftet werden, bis sich der stechende Geruch des VOC-Lösemittels verflüchtet hat. Zum Glück sind die Gase meist nach ein paar Wochen verflogen, dann können Räume, die mit solchen klassischen Farben gestrichen wurden, mehr oder weniger gefahrlos bezogen werden.

Farben auf Wasserbasis

Aufgrund der VOC-Problematik kommen heute immer häufiger Anstrichstoffe zum Einsatz, in denen Wasser als Lösemittel verwendet wird. Das ist selbstverständlich ungiftig, wenn es ausdünstet. Auch wenn es natürlich falsch ist, die Produkte als „lösemittelfrei“ zu bezeichnen, wie es zu Werbezwecken oft geschieht.

Davon mal abgesehen, hat die Sache mit dem Wasser als Lösungsmittel aber auch einen echten Haken. Zum einen enthalten auch Innenfarben auf Wasserbasis zumindest noch geringe Mengen an VOC-Lösemitteln. Das ist offenbar für eine zufriedenstellende Filmbildung notwendig. Zum anderen werden den Produkten aber in der Regel auch noch weitere Stoffe zugesetzt, die bestimmte Nachteile von Wasser als Lösungsmittel ausgleichen sollen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Konservierungs- und Verdickungsmittel. Konservierungsmittel sind Biozide, die Mikroorganismen ausschalten sollen. Sie werden zum Beispiel eingesetzt, damit durch das Wasser in der Farbe keine Schimmelpilzbildung begünstigt wird.

Angesichts solcher Zusatzstoffe kann man sich bei vielen Innenfarben auf Wasserbasis tatsächlich fragen, inwieweit sie im Vorteil gegenüber den klassischen Farben sind. Statt VOC werden andere Inhaltsstoffe verwendet, die zum Teil noch schädlicher erscheinen. Hinzu kommt, dass die typischen VOC-Verbindungen nach ein paar Wochen verdunstet sind, während sich manche der Additive in Farben auf Wasserbasis deutlich langsamer verflüchtigen und damit die Raumluft für längere Zeit belasten.

Naturfarben: Öle als Lösungsmittel

Lehmfarbe

Lehmfarben dünsten wie alle rein mineralischen Produkte keinerlei Schadstoffe aus. Foto: Claytec

Als weitere Alternative zu den klassischen Innenfarben gibt es so genannte Naturfarben, bei denen als Lösungsmittel nicht Wasser, sondern natürliche Öle zum Einsatz kommen. Auf Biozide kann deshalb vollständig verzichtet werden. Bei den Ölen handelt es sich meist um Terpene, die größtenteils pflanzlichen Ursprungs sind und auch vielfach in Parfüm und Kosmetika als Geruchsstoffe zum Einsatz kommen. Wie im Fachwissenbeitrag zu den VOC bereits erwähnt, sind aber auch diese natürlichen Terpene in Sachen Wohngesundheit nicht völlig unproblematisch. Auch sie gehören zu den flüchtigen organischen Verbindungen und können bei manchen Menschen beispielsweise Allergien auslösen. Insofern sind Naturfarben prinzipiell sicher zu empfehlen, aus Sicht der Wohngesundheit lässt sich allerdings nicht grundsätzlich ein „Unbedenklichkeitsschein“ ausstellen.

Mineralische Farben

Eine wohngesunde Alternative im Bereich der Innenfarben sind auf jeden Fall Mineralfarben. Dabei handelt es sich um Produkte wie Kalk- und Lehmfarben, die ausschließlich aus mineralischen Bestandteilen sowie Wasser als Lösungsmittel bestehen. Sie dünsten keinerlei Schadstoffe aus und sind – trotz des Wassergehalts – unempfindlich gegen Schimmelpilzbefall. Außerdem sind sie diffusionsoffen, tragen also zur Raumluftregulierung bei. Einziger Nachteil: Man kann die Farben nur auf saugfähigen, offenporigen Untergründen verwenden. Ein Überstreichen von PVC- oder Glasfasertapeten ist also beispielsweise nicht möglich. Die Verarbeitung auf Mineralputzen, Beton, Kalksandstein, Gipskarton oder auch Raufasertapeten ist dagegen problemlos möglich.

Ebenfalls zu den Mineralfarben gehören die so genannten Silikatfarben. Sie enthalten als Bindemittel Kaliwasserglas, das in Wasser gelöst ist. Das Wasserglas stellt man aus Quarzsand und Kaliumkarbonat (Pottasche) her. Auch Silikatfarben sind schadstofffrei, unempfindlich gegen Schimmelpilzbefall und diffusionsoffen. Sie werden im Übrigen nur als zweikomponentige Baustoffe angeboten. Der Verarbeiter mischt also erst auf der Baustelle das flüssige Bindemittel Kaliwasserglas mit dem Farbpulver. In Innenräumen ist die Anwendung von Silikatfarben allerdings nur eingeschränkt möglich, weil sie unter anderem nicht auf Tapeten, Gipsputzen, Gipskartonplatten, Holz und Metall angewendet werden dürfen. Möglich ist die Verarbeitung auf allen anderen Putzen außer Gipsputz sowie auf saugfähigen Materialien wie Beton oder Kalksandstein.

Reine Silikatfarben sind übrigens nicht dasselbe wie die heute sehr verbreiteten Dispersionssilikatfarben. Bei diesen handelt es sich nicht um reine Mineralfarben, da sie bis zu 5% organische Kunstharzdispersionen enthalten dürfen. Dieser Zusatz bewirkt, dass die Farben als gebrauchsfertige, einkomponentige Produkte angeboten werden können und damit leichter zu handhaben sind. Dafür kommt es aber auch zur Ausdünstung von flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) – wenn auch nur in geringem Ausmaß.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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