RM Rudolf Müller
Massive Grünbildung auf einem Scheunendach. Foto: Pixabay

Massive Grünbildung auf einem Scheunendach. Foto: Pixabay

Dach
09. August 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Grünbildung auf Dach und Fassade 1: Ursachen

Sie sind überall: Mikroorganismen wie Algen und Pilze befinden sich millionenfach in der Luft, im Wasser und auf Oberflächen. Sie verbreiten sich mit dem Wind, benötigen zum Wachstum nur sehr wenig Nährstoffe und siedeln sich deshalb auch auf Dach- und Fassadenflächen an. In den letzten Jahrzehnten hat die so genannte Grünbildung an Gebäuden sogar zugenommen. Warum das so ist, verrät unser Beitrag.

Wasser, Licht und Kohlendioxid: Das ist alles, was Algen zum Wachstum benötigen. Das Licht liefert die Sonne, und Kohlendioxid befindet sich überall in der Luft. Nur mit dem Wasser ist es etwas schwieriger, das finden die Mikroorganismen nicht überall vor. Auf Dächern und Fassaden gedeihen sie deshalb nur, wenn diese längere Zeit feucht sind.

Algen – Pilze – Flechten

Für die Ausbreitung von Pilzen bedarf es nicht einmal Licht, auf Feuchtigkeit sind sie jedoch ebenfalls angewiesen. Anders als Algen benötigen Pilzsporen aber organische Nährstoffe zum Leben. Sie sind diesbezüglich allerdings nicht anspruchsvoll und wahrlich keine Feinschmecker: Schon die Inhaltsstoffe aus Staub oder auch Vogelkot genügen ihnen, um „satt“ zu werden. Derartige Nahrung finden sie in der Regel auch auf Dächern und Fassaden.

Wenn die Grünbildung nicht bekämpft wird, können sich auch so genannte Flechten bilden. Dabei handelt es sich um symbiotische Lebensgemeinschaften von Pilzen und Algen. Es findet gewissermaßen eine „Verflechtung“ dieser ursprünglich getrennt lebenden Mikroorganismen statt. Auf Dächern und Fassaden findet man Flechten aber nur dort, wo nichts gegen die Grünbildung unternommen wird, sodass sich die Natur ungehemmt ausbreiten kann.

Zunehmende Grünbildung

In den letzten Jahrzehnten hat in Deutschland die Grünbildung an Gebäudehüllen zugenommen. Das hat vielfältige Gründe. Einer hängt mit dem verbesserten Umweltschutz zusammen. Früher gab es einfach mehr „sauren Regen“ und die Luft war stärker mit Pestiziden aus der Landwirtschaft belastet. Das war schlecht für die Gesundheit des Menschen, hat aber andererseits auch zur Abtötung von Mikroorganismen geführt. Seit derartige Giftstoffe in Luft und Niederschlägen geringer geworden sind, haben sich offenbar auch die Lebensbedingungen für Algen und Pilze verbessert. Hinzu kommt der allgemeine Klimawandel. In Deutschland sind zunehmend milde Winter und feuchte Sommer zu beobachten. Auch das fördert das Wachstum von Mikroorganismen.

Übrigens stellt die Grünbildung auf Dächern und Fassaden technisch betrachtet keinen Mangel dar. Dacheindeckungen und Fassadenoberflächen werden dadurch in ihrer Funktion nicht beeinträchtigt. Man kann die Grünbildung auch als Teil der Natur betrachten und sich nicht weiter daran stören. Die meisten Menschen empfinden die grünen, braunen oder schwarzen Flecken aber als hässlich und würden sie gerne vermeiden. Da regelmäßige Reinigungen und Neuanstriche teuer sind, stellt sich die Frage, ob und wie man die Grünbildung auf Dach und Fassade präventiv eindämmen kann.

Standortfaktoren

Mikroorganismen auf einer Wohnhausfassade. Foto: Getifix

Mikroorganismen auf einer Wohnhausfassade. Foto: Getifix

Natürlich wird die Grünbildung nicht nur von allgemeinen Rahmenbedingungen wie dem Klimawandel oder der Schadstoffkonzentration in der Luft beeinflusst. Bei jedem Gebäude spielen auch die individuellen Begebenheiten vor Ort eine große Rolle. Befinden sich in unmittelbarer Nähe zu Dach- und Fassadenflächen Bäume oder sonstige nennenswerte Vegetation, dann erhöht das zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit der Grünbildung.

Einerseits können Mikroorganismen, die auf den Pflanzen siedeln, durch Windböen auf die Baustoffoberflächen getragen werden. Andererseits bilden Blätter und sonstige Pflanzenbestandteile eine gute Nähstoffgrundlage für Mikroorganismen. Und schließlich tragen Bäume häufig zur Verschattung von Dach- und Fassadenflächen bei, die dann bei Feuchtebelastung längere Zeit zum Austrocknen benötigen.

Bei Neubauten kann man diese Problematik vermeiden, indem schon bei der Planung darauf geachtet wird, dass keine direkte Verschattung durch Bäume erfolgt. Bei Bestandbauten sollte man zumindest dafür Sorge tragen, dass die oberen Äste von Bäumen nicht die Dachflächen überragen. Wo dies der Fall ist, empfiehlt sich ein Rückschnitt.

Bauliche Ursachen

Algenwachstum auf Steinen am Meer. Foto: Pixabay

Algenwachstum auf Steinen am Meer. Foto: Pixabay

Es gibt aber auch bauliche Ursachen für die Ansiedelung von Algen und Pilzen. So weist die Arbeitsgemeinschaft Ziegeldach im Bundesverband der
Deutschen Ziegelindustrie darauf hin, dass bei über 90 % aller beanstandeten Dächer eine fehlende oder mangelnde Hinterlüftung der Deckung die Hauptursache für die Grünbildung sei. Ohne ausreichende Hinterlüftung trocknen die Dachpfannen nämlich wesentlich langsamer aus.

Auch bei Fassaden sind es oft bauliche Unterlassungen, die eine stärkere Feuchtigkeitsbelastung und damit einen Befall durch Mikroorganismen begünstigen. Vielen Gebäuden fehlt es ganz einfach an ausreichend dimensionierten Dachüberständen oder Vordächern, damit Fassaden durch Regen gar nicht erst nass werden. Und auch kleinere Baudetails – wie etwa Tropfkanten – können schon viel bewegen.

Zweifellos begünstigen auch Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) die Grünbildung an der Fassade. Aufgrund der Dämmstoffhülle bleibt die Wärme länger im Gebäude, zugleich bleibt die Fassadenoberfläche aber auch kühler. Im Tagesverlauf passiert es dadurch häufiger, dass die Temperatur der Fassade den Taupunkt des Wasserdampfes in der Luft unterschreitet. Als Folge kondensiert vermehrt Wasserdampf an der WDVS-Oberfläche. Aufgrund ihrer relativ kühlen Oberfläche benötigt die Fassade zudem längere Zeit zum Austrocknen.

Grünbildung an WDVS

Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel im Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie steigt das Bewuchsrisiko bei WDVS-Fassaden grundsätzlich an. Vor allem in den Übergangsjahreszeiten Frühling und Herbst kommt es an diesen Fassaden viel häufiger und länger zu Tauwasserbelastungen als bei nicht gedämmten Außenwänden. Das Phänomen tritt vor allem in den Morgenstunden auf, wenn sich die Außenluft wieder langsam erwärmt, während die WDVS-Fassade noch vergleichsweise kühl ist.

Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass Feuchtigkeitsprobleme an Fassaden viel häufiger und länger durch Tauwasser-Kondensat aus der Außenluft als durch direkte Beregnung auftreten. Da helfen dann auch keine Dachüberstände oder Tropfkanten. Die Feuchtigkeit der Fassadenoberfläche lässt sich aber durch die richtige Auswahl des Fassadenputzes regulieren. Mehr zu solchen Baustoffen, die die Grünbildung hemmen, erfahrt ihr im Teil 2 dieses Beitrags.


Mehr zum Thema Dach und Fassade finden Sie in der Übersicht


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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