RM Rudolf Müller
Erstes Drei-Liter-Haus im Bestand

Erstes Drei-Liter-Haus im Bestand: Das modernisierte Wohngebäude in Ludwigshafen wurde in einem Langzeit-Monitoring untersucht.

Energetisches Bauen
12. März 2015 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist ein „Drei-Liter-Haus“?

Im Jahr 1999 brachte Volkswagen mit dem Modell „Lupo 3L TDI“ das erste serienmäßige Auto auf den Markt, das nur drei Liter Diesel pro 100 Kilometer verbrauchte. Vermarktet wurde es unter dem Namen „Drei-Liter-Auto“ – ein Begriff, der damals in aller Munde war. Die griffige Formel gefiel offenbar auch den Mitarbeitern des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, die damals gerade einen neuen Niedrigenergiestandard für den Gebäudebereich entwickelten. So kam schließlich – ebenfalls Ende der 1990er-Jahre – das Drei-Liter-Haus zur Welt.

Der Bedarf eines Hauses an Heizenergie wird meist in Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angegeben (kWh/(m²*a) – dieselbe Einheit, in der man auch den Stromverbrauch abrechnet. Das ist praktisch, weil man so den jährlichen Mengenverbrauch unterschiedlicher Energiequellen – Strom, Gas, Öl – direkt miteinander vergleichen kann. Allerdings wird der Verbrauch von Gas eigentlich in Kubikmeter gemessen, und der von Öl in Litern. Die Werte rechnet man erst in einem zweiten Schritt in Kilowattstunden um. So entspricht 1 Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr etwa 10 kWh/(m²*a).

Natürlich funktioniert die Umrechnung auch anders herum: Ein Ölverbrauch von 30 kWh/(m²*a) entspricht 3 l/(m²*a). Daher leitet sich der Begriff „Drei-Liter-Haus“ ab. Ein solches Gebäude verbraucht pro Jahr und Quadratmeter eben maximal den Heizwert von 3 Litern Öl. Es bleibt damit knapp unter 30 kWh/(m²*a), wobei die Stromkosten für die Heiztechnik (z. B. Brenner, Regelung, Wärmepumpe) mit eingerechnet werden. Vergleicht man den Gebäudetypus mit anderen Energiesparhäusern, so lässt sich sagen: Ein Drei-Liter-Haus verbraucht einerseits noch weniger Heizenergie als ein KfW-Effizienzhaus 40, andererseits aber mehr als ein Passivhaus.

Flexibles Niedrigenergie-Konzept

Drei-Liter-Haus-Siedlung in Celle

Flexibles Konzept: Objektbeispiele aus der ersten Drei-Liter-Haus-Siedlung in Celle.

Beim Drei-Liter-Haus handelt es sich um einen Niedrigenergiestandard für Gebäude, den das Fraunhofer-Institut für Bauphysik Ende der 1990er-Jahre entwickelt hat. Kurz darauf ließ das Institut in Zusammenarbeit mit 50 Industriepartnern erste Modellobjekte im niedersächsischen Celle errichten, wo eine Siedlung mit insgesamt elf Drei-Liter-Häusern enstand. Von Anfang an wurde darauf Wert gelegt, dass der neue Niedrigenergie-Gebäudestandard nicht an eine bestimmte Bauweise gekoppelt ist. Stattdessen wollte man in Sachen Bau- und Haustechnik möglichst flexibel bleiben und eine individuelle Architektur zulassen.

Unter den elf Celler Häusern finden sich zum Beispiel sowohl traditionelle Ziegel-Massivbauten als auch Gebäude in Holztafelbauweise. Ebenso vielfältig ist die verwendete Heiztechnik: Das Spektrum reicht hier von normalen Brennwertkesseln über Wärmepumpen bis hin zu Holzpelletöfen. Selbst beim Thema Lüftung schreibt das Konzept grundsätzlich nichts fest. In Celle gibt es sowohl Häuser mit automatischer Lüftungsanlage inklusive Wärmerückgewinnung als auch solche, die ganz traditionell über die Fenster belüftet werden. Beim Drei-Liter-Haus ist also im Prinzip alles erlaubt, vorausgesetzt der Heizwärmeverbrauch bleibt am Ende unter 30 kWh/(m²*a). Zum Vergleich: In den meisten „normalen“ Wohnhäusern liegt der Heizwärmeverbrauch auch heute noch über 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr.

Konzept für Neubau und Bestand

Der Drei-Liter-Energiestandard ist nicht nur bei Neubauten, sondern auch durch Modernisierung von Bestandsgebäuden erreichbar. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Sanierung des Brunckviertels in Ludwigshafen durch das zur BASF gehörende Wohnungsunternehmen Luwoge (seit Januar 2015 firmiert die Luwoge unter dem neuen Namen BASF Wohnen + Bauen GmbH). Die BASF hat die Wohnhäuser in diesem alten Arbeiterviertel zu Niedrigenergiehäusern umbauen lassen. Dabei entstand unter anderem das bundesweit erste Drei-Liter-Haus im Bestand.

Ein 2001 gestartetes Untersuchungsprojekt, bei dem der Energieverbrauch nach der Modernisierung über drei Jahre gemessen wurde, ergab folgendes: Insgesamt ist der Heizwärmebedarf im Brunckviertel gegenüber der Zeit vor der Sanierung um satte 80 % gesunken. Und im Drei-Liter-Haus der Siedlung fällt der durchschnittliche Jahresverbrauch heute noch geringer aus als erwartet: Er liegt bei 2,6 Litern pro Quadratmeter Wohnfläche.
Wie oben bereits erwähnt, basieren Drei-Liter-Häuser nicht auf einem starren Konzept, das bestimmte Bau- und Heiztechniken vorschreibt. Die folgende Auflistung zeigt deshalb nur beispielhaft die wichtigsten Modernisierungsmaßnahmen, die den Altbau im Brunckviertel zum Drei-Liter-Haus gemacht haben:

  • Dämmung mit mindestens 20 cm dicken Neopor-Platten,
  • Ausschaltung von Wärmebrücken im Rahmen der Dämmmaßnahmen,
  • Ersatz der alten Kragarm-Balkone durch freistehende Vorstellbalkone,
  • kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung,
  • Dreifachverglasung bei den Fenstern (inkl. Edelgasfüllung),
  • Kunststoff-Fensterrahmen mit Dämmkern,
  • Putz mit Latentwärmespeichern auf der Innenseite der Raumwände und
  • eine moderne erdgasbetriebene Brennstoffzellen-Heizung.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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