RM Rudolf Müller
Wilde Dachdeckung aus Moselschiefer auf einem Haus unweit von Frankfurt. Foto: Rathscheck Schiefer

Wilde Dachdeckung aus Moselschiefer auf einem Haus unweit von Frankfurt. Foto: Rathscheck Schiefer

Grundstoffe des Bauens
22. Juni 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Schiefer für Dach und Fassade

Der Naturstein Schiefer ist ein langlebiger, robuster und pflegeleichter Baustoff, der traditionell vor allem zur Eindeckung von Dächern und Fassaden verwendet wird. Bei vielen Schieferhäusern handelt es sich um urtümliche, historische Gebäude, die bereits im Mittelalter gebaut wurden. Doch es gibt auch eine moderne Schieferarchitektur für Neubauten. Neue Deckungsarten und Befestigungssysteme haben dazu beigetragen.  

Über die erdgeschichtliche Entstehung und den Abbau von Schiefer sowie über die größten Vorkommen in Deutschland haben wir auf baustoffwissen.de bereits im Beitrag „Was ist Schiefer?“ informiert. Im Gebäudebereich nutzt die Menschheit die Natursteine schon seit Jahrtausenden. Obwohl man einschränken muss: Verwendet werden eigentlich nur einige Sorten. In der Natur kommen nämlich sehr viele verschiedene Schieferarten vor, doch für die Herstellung von Dach- und Fassadeneindeckungen sind eigentlich nur so genannte Tonschiefer wirklich von Bedeutung.

Schiefer ist nicht gleich Schiefer

Doch auch die Qualität von Tonschiefer unterscheidet sich je nach Abbaugebiet zum Teil erheblich. Qualitätshersteller von Schieferplatten kennzeichnen ihre Produkte daher nach Vorkommen. Wer als Bauherr oder Architekt eine bestimmte Qualität vor Augen hat, sollte sich über geeignete Vorkommen informieren und diese bei der Bestellung auch angeben.

Die Herkunft des Materials ist auch deshalb von Bedeutung, weil verschiedene Vorkommen auch für unterschiedliche Farben stehen. Schiefer ist ein Naturprodukt und seine Farbe ist daher nicht industriell genormt. Wer also keine „fleckigen“ Dächer oder Fassaden wünscht, sollte darauf achten, dass für eine bestimmte Fläche sämtliche Platten aus demselben Vorkommen stammen. Das gilt natürlich auch für den Fall, dass einzelne Schieferplatten irgendwann mal ausgetauscht werden müssen. Häufig ist der im Bauwesen verwendete Schiefer von blau-grauer Farbe. Es gibt jedoch auch Abbaugebiete, in denen Rot-, Grün- oder Gelbtöne dominieren.

Vielfältige Deckungsarten

Moderne Schieferfassade in symmetrischer Deckung an einem Oberhausener Verwaltungsgebäude. Foto: Rathscheck Schiefer

Die Vielfalt von Schiefereindeckungen an Dach oder Fassade wird dadurch erhöht, dass es Platten in unterschiedlichsten Formaten und Formen gibt. Im Laufe der Jahrhunderte entstand zudem eine große Anzahl verschiedener Deckungsarten, deren Muster jeweils eine spezielle Flächenoptik erzeugen. Die wohl traditionsreichste Variante ist die so genannte altdeutsche Deckung, die man häufig auf den Dächern von Klöstern, Schlössern und Rathäusern findet. Durch die Verwendung unterschiedlich breiter Schieferplatten wirkt sie sehr lebendig. Diesbezüglich wird sie nur noch von der „Wilden Deckung“ übertroffen. Bei dieser Variante werden unbehauene Steine verwendet. Das Material wird erst vom Dachdecker direkt auf der Baustelle behauen und somit „in Form“ gebracht.

Die Platten für altdeutsche und wilde Deckungen haben stets eine runde Kante. Rundbögen findet man aber auch bei anderen historischen Deckungsarten, zum Beispiel bei der Schuppen- oder der Bogenschnitt-Deckung. Es gibt daneben aber auch ein großes Sortiment an rechteckigen beziehungsweise quadratischen Schiefersteinen. Sie kommen zum Beispiel bei der Spitzwinkel-Deckung, der Rechteck-Doppeldeckung, der Waben-Deckung, der gezogenen Deckung, der waagerechten Deckung, der geschlauften Deckung, der horizontalen Deckung, der dynamischen Deckung und der variablen Deckung zum Einsatz. Ihr seht schon: Die Deckungsmuster für Schiefersteine sind eine Wissenschaft für sich.

Symmetrische Deckung

Befestigung von Schieferdachplatten mithilfe der Klammertechnik. Grafik: Rathscheck Schiefer

Bei den bisher genannten Deckungsarten entsteht eine durchgehende Schieferfläche, weil der Dachdecker die Platten so anordnet, dass sie sich an mehreren Seiten überlappen. Bei der so genannten symmetrischen Deckung ist das jedoch nicht so. Diese moderne Deckungsart für rechteckige Steine kommt vor allem bei Fassaden zum Einsatz und zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Platten eben nicht überlappen. Stattdessen gibt es offene Fugen zwischen den Steinen. Die symmetrische Deckung bietet eine sehr klare, geradlinige Optik und erlaubt stufenlose, absolut glatte Schieferflächen. Aufgrund der offenen Fugen darf sie im Dachbereich allerdings nur zusammen mit einem wasserdichten Unterdach verwendet werden.

Klammer- und Hinterschnitt-Befestigung

Unsichtbar befestigte Schieferfassade mit Hinterschnittankern. Grafik: Rathscheck Schiefer

Unsichtbar befestigte Schieferfassade mit Hinterschnittankern. Grafik: Rathscheck Schiefer

Die symmetrische Deckung setzt geeignete Unterkonstruktionen und Befestigungssysteme voraus. Hier haben sich zwei Methoden etabliert: die Klammertechnik und die Hinterschnitttechnik. Bei der Klammertechnik werden die Platten mithilfe von Edelstahlklammern in die Unterkonstruktion verschraubt (siehe Grafik). Diese Unterkonstruktionen waren in früheren Zeiten in der Regel aus Holz, sind heute aber meist aus Metall. Das hat nicht zuletzt Brandschutzvorteile. Schieferfassaden mit Metallunterkonstruktion werden der höchsten Baustoffklasse A1 zugeordnet („nicht brennbar“).

Bei der Klammertechnik bleiben die Befestigungsmittel an der Schieferoberfläche sichtbar. Wer das nicht möchte, muss auf eine unsichtbare Befestigungsvariante setzen: die so genannte Hinterschnitttechnik. Bei dieser Montageform wird rückseitig in die Schieferplatten eine etwa 7 mm 
tiefe Sacklochbohrung eingearbeitet, in die man den Hinterschnittanker einsetzt. Dieser Anker wird dann wiederum mit der Unterkonstruktion verschraubt. Aufgrund der Bohrung ist es notwendig, dass die bei der Hinterschnitt-Befestigung verwendeten Schieferplatten eine Mindeststärke von 1 cm aufweisen. Sie sind also dicker und somit schwerer als es bei den klassischen Deckungsarten erforderlich ist. Bei diesen verwendet man in der Regel sehr dünne Schiefersteine von nur 5 mm Stärke.

Im Vergleich zu Fassaden mit anderen Natursteinarten, bei denen in der Regel 3–4 cm dicke Steine notwendig sind, haben Schieferdeckungen mit Hinterschnittanker dagegen ein ausgesprochen geringes Gewicht. Das hat auch Auswirkungen auf die Unterkonstruktion: Schieferfassaden benötigen keine schweren Edelstahltragwerke, sondern können mit Aluminium-Unterkonstruktionen realisiert werden. Die sind nicht nur leichter, sondern auch preiswerter.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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