In Deutschland fehlen derzeit nach Expertenschätzungen bis zu 800.000 Wohnungen – Tendenz steigend. Doch trotz des hohen Bedarfs befindet sich der Neubau auf Talfahrt. 2023 sind die Baugenehmigungen für Wohngebäude in weiten Teilen der Bundesrepublik um mehr als 50 % gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Diese unheilvolle Entwicklung birgt nicht nur enormen sozialen Sprengstoff, sondern schadet auch insgesamt der deutschen Wirtschaft. Eine Studie von DIW Econ verdeutlicht die Dimensionen.
In der rund 50-seitigen Kurzstudie „ Die Wirtschaftskraft hinter dem Wohnungsbau “ haben Wissenschaftler des Beratungsunternehmens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Econ) zum ersten Mal gezielt die wirtschaftliche Bedeutung allein des Wohnungsbaus untersucht – also isoliert vom restlichen Bausektor. Sie ermittelten für 2023 eine Bruttowertschöpfung der Branche von 536,8 Mrd. Euro. Damit würde der Wohnungsbau hinter jedem siebten Euro der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland stecken.
Wichtig wie die Automobilbranche
198,3 Mrd. Euro der oben genannten Bruttowertschöpfung für 2023 (536,8 Mrd. Euro) wurden laut Studie direkt in der Wohnungsbaubranche erwirtschaftet. Zudem fielen indirekte Effekte in Höhe von 166,4 Mrd. Euro an. Dabei handelt es sich um ökonomische Auswirkungen, die sich aus der Nachfrage des Wohnungsbaus nach Vorleistungen ergeben – also zum Beispiel Ausgaben für Baustoffe. Weitere 172,2 Mrd. Euro kamen durch die Wiederverausgabung des durch Wohnungsbau direkt und indirekt erzeugten zusätzlichen Einkommens zustande – also zum Beispiel die zusätzlichen Konsumausgaben der Beschäftigten. In diesem Fall spricht man von induzierten Bruttowertschöpfungseffekten.

Laut Studie leistet die Wohnungsbaubranche mit ihrer Wertschöpfung einen ähnlich großen Beitrag zur hiesigen Wirtschaft wie die Automobilbranche. Zudem würden knapp 6,6 Mio. Jobs – jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland – direkt oder indirekt mit dem Wohnungsbau zu tun haben. 2,3 Mio. Menschen haben laut Studie 2023 einen Arbeitsplatz direkt in der Wohnungsbaubranche gehabt. Weitere 2,2 Mio. Personen waren entlang der Wertschöpfungskette des Wohnungsbaus tätig. Hinzu kamen laut Studie 2,1 Mio. Personen, deren Arbeitsplatz durch die Wiederverausgabung generierten Einkommens geschaffen wurde.
Darüber hinaus sorgt die Branche auch für „komplementäre Investitionsvolumen in Infrastruktur“ – wie es in der Studie heißt. Wo neue Wohnungen entstehen, folgen eben oft auch neue Zufahrtswege, Parkplätze, Gewerbeeinrichtungen etc. Außerdem ist ein bedarfsgerechter Wohnungsneubau auch eine wichtige Erfolgsvoraussetzung für viele andere Branchen. Schließlich benötigen die vielerorts dringend gesuchten Fachkräfte geeignete Wohnungsmöglichkeiten, damit sie sich überhaupt anwerben lassen.
Auch finanzpolitisch habe der Wohnungsbau großes Gewicht. Für 2023 errechneten die Autoren der Studie insgesamt 140,8 Mrd. Euro an direkten, indirekten und induzierten Steuereinnahmen, die auf das Wirken der Wohnungsbaubranche zurückführbar waren. Das sind rund 17 % der gesamten deutschen Steuereinnahmen desselben Jahres. Dabei wurden sowohl Unternehmenssteuern wie die Körperschafts- und Gewerbesteuer als auch Gütersteuern wie zum Beispiel Umsatzsteuer oder Verbrauchssteuern und natürlich auch Lohn- beziehungsweise Einkommenssteuern berücksichtigt.
Präsentation zum Wohnungsbau-Tag
DIW Econ hat die Kurzstudie anlässlich des 15. Wohnungsbau-Tages erstellt, den das Verbändebündnis Wohnungsbau am 11. April in Berlin veranstaltet hat. Auftraggeber war das Verbändebündnis, in dem sich neben dem Deutschen Mieterbund und der IG BAU auch mehrere Verbände der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sowie der Mauerstein-Industrie und des Baustoff-Fachhandels zusammengeschlossen haben.

Auf dem Wohnungsbau-Tag konfrontierte das Bündnis die Politik mit den Ergebnissen der Studie. Provokante Frage: „Wann wird Deutschland – neben der Auto-Nation – endlich auch wieder eine Wohn-Nation?“ Die Zeichen dafür stehen aktuell schlecht. Seit 2021 sind die Gesamtinvestitionen in den Wohnungsbau bereits das dritte Jahr in Folge rückläufig. Für 2024 erwartet das DIW derzeit einen Rückgang des Wohnungsbauvolumen um 3,4 % gegenüber dem Vorjahr.
DIW-Studienleiter Prof. Martin Gornig sieht im Wohnungsbau eine „Achillesferse der deutschen Wirtschaft“, die deutlich angeschlagen sei: „Der Wohnungsbau ist ein wichtiger Enabler für die Wirtschaft – ein ‚Möglichmacher von Beschäftigung‘. Fachkräfte werden gerade in den Ballungsräumen dringend gebraucht. Sie wollen kommen. Aber sie werden nicht kommen, wenn sie keine Wohnung finden, die sie sich leisten können.“
Was nun?
Auf dem Wohnungsbau-Tag zog das Verbändebündnis daher folgendes Fazit: „Es gibt kein Wachstum der Gesamtwirtschaft ohne Wachstum im Wohnungsbau. Passiert jetzt nichts, dann erlebt Deutschland einen Bumerangeffekt der Wohnungsbau-Krise, der die gesamte Wirtschaft empfindlich treffen wird“.
Doch was muss nun passieren? Katharina Metzger, die Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel, formuliert es in ihrem Pressestatement zum Wohnungsbau-Tag so: „Wir fordern Klarheit und Berechenbarkeit in den Förderbedingungen: Kein Kleckern mehr, sondern deutliche Akzente, die einen Effekt beim Neubau von Wohnungen bringen. Und vor allem muss der Staat aufhören, immer die letzte Optimierung beim Neubau von Wohnungen zu fordern und nur diese zu fördern. Die durch staatliche Förderung gelenkte Wohnungsbaupolitik im Elfenbeinturm verhindert den Neubau von Wohnungen – vor allem das Schaffen von bezahlbaren Wohnungen. Wer High-End-Standards will, soll sie bezahlen, aber nicht mit Steuermitteln.“
Auch Wolfgang Schubert-Raab, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe, fordert höhere und langfristig abgesicherte Fördervolumina und eine Senkung der Baukosten: „Einfach Bauen muss zivilrechtlich abgesichert werden, damit das Bauen nach Mindeststandards breit angewendet wird. Der Weg dorthin wurde auf dem Wohngipfel mit der Entwicklung einer ‚Leitlinie und Prozessempfehlung Gebäudetyp E ‘ aufgezeigt, aber die Umsetzung ist bis heute auf der Strecke geblieben.“