RM Rudolf Müller
Risse in Wänden gehören zu den klassischen Schadensbildern am Bau. Foto: Pixabay

Risse in Wänden gehören zu den klassischen Schadensbildern am Bau. Foto: Pixabay

Hintergrundwissen
03. Januar 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Bauschadenbericht: Alarmierende Zahlen

Beim Neubau von Wohngebäuden in Deutschland nimmt die Anzahl der Bauschäden weiter stark zu. Im Jahr 2016 gab es fast 90 % mehr Bauschäden als 2009 – heißt es in einer Pressemitteilung des Bauherren-Schutzbundes zum Bauschadenbericht 2018. Verantwortlich für die alarmierenden Zahlen seien vor allem die hohe Marktauslastung, der Fachkräftemangel und eine unzureichende Planung.

„Der Bauschadenbericht spiegelt wider, was unsere Bauherrenberater täglich auf der Baustelle erleben“, sagt Florian Becker, Geschäftsführer des Bauherren-Schutzbundes (BSB). Seit 2009 sei ein kontinuierlicher Anstieg der auftretenden Bauschäden zu beobachten. Der Ende September 2018 neu veröffentlichte Bauschadenbericht zeigt: Besonders mangelbehaftet sind Dächer, Decken, Fußböden und Wände sowie die Haustechnik. Eindringende Feuchtigkeit, die nicht vorschriftsmäßige Ausführung, Maßfehler, Risse und falsche Abdichtung sind die vorherrschenden Schadensbilder.

Da der Wohnungsbau in Deutschland seit 2009 insgesamt wächst, ist es an sich natürlich nicht verwunderlich, dass auch die Anzahl der Bauschäden zunimmt. Gleichwohl scheint das Wachstum von 89 %, das der Bauschadenbericht 2018 für den Wohnungsneubau zwischen 2009 und 2016 festgestellt hat, beunruhigend. Denn die Schäden verursachen zunehmend hohe Kosten. Laut Bericht stiegen die durchschnittlichen Bauschadenkosten von 49.000 Euro im Zeitraum 2006–2008 auf knapp 84.000 Euro im Zeitraum 2015–2017.

Branche überlastet

Die überproportional hohe Zunahme der Schäden führt der Bauherren-Schutzbund auf eine Überlastung der Bauunternehmen zurück. Das Zusammentreffen von hoher Auftragslage und Fachkräftemangel am Bau führe zu Termindruck und in der Folge dann eben oft zu Fehlern. „Bauen wird durch höhere gesetzliche Anforderungen und komplexere Bauteile immer komplizierter“, ergänzt Florian Becker. „Dadurch steigt auch die Fehleranfälligkeit bei der Planung und Bauausführung.“

Der BSB rät privaten Bauherren, die Arbeiten auf der Baustelle besser zu überwachen. „Kurzfristig kann der Verbraucher teuren Bauschäden nur mit einer baubegleitenden Qualitätskontrolle vorbeugen“, sagt Geschäftsführer Becker. In der Regel wird der Bauherr dafür aber nicht ausreichend Know-how besitzen. Möglicherweise hilft also nur die Anstellung eines externen Bausachverständigen, der in der Lage ist, die vertragsgerechte Bauausführung zu kontrollieren und Mängel frühzeitig zu erkennen.

Datenbasis des Berichts

Der Anstieg von 89 % bezieht sich auf den Siebenjahreszeitraum 2009 bis 2016.

Der Anstieg von 89 % bezieht sich auf den Siebenjahreszeitraum 2009 bis 2016.

Der Bauschadenbericht heißt mit vollem Namen eigentlich „Analyse der Entwicklung der Bauschäden und der Bauschadenkosten“. Die Vorgänger-Veröffentlichung erschien 2015. Das „Update 2018“ hat erneut das Institut für Bauforschung (Hannover) im Auftrag des Bauherren-Schutzbundes erstellt. Dafür wurden wieder Versicherungsfälle der AIA AG ausgewertet – einer Spezialversicherung für Architekten und Ingenieure. Die Datenbasis für den aktuellen Bericht bildeten insgesamt 5.868 Berufshaftpflichtschäden von Architekten und Bauingenieuren aus dem Zeitraum 2002 bis 2016. Nach Angaben des BSB ist die Untersuchung repräsentativ für die Branche.

Verlangsamung der Bauschäden-Zunahme

Die Ergebnisse der Vorstudie von 2015 bezogen sich auf den Betrachtungszeitraum 2002 bis 2013. Ein Ergebnis war, dass sich bei der AIA AG die Berufshaftpflichtfälle mit Bauschäden von 2002 bis 2008 ungefähr verdreifacht hatten. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis vielleicht nicht ganz unwichtig, dass 2002 zugleich das Jahr ist, in dem in Deutschland die erste Energieeinsparverordnung (EnEV) in Kraft getreten ist. Damals änderten sich also auf einen Schlag viele gesetzliche Anforderungen an Neubauten, die Architekten und Bauingenieure bei ihrer Planung fortan berücksichtigen mussten.

Der Bauschadenbericht von 2015 konstatierte ferner eine vorübergehende Stagnation der Schadenzahlen ab 2009. Ab 2013 folgte dann aber wieder ein deutlicher Anstieg. Aus dem „Update 2018“ geht nun hervor, dass sich die Schadenzahlen von 2009 bis 2016 nochmal um 89 % erhöht haben. Im Gesamtbetrachtungszeitraum 2002–2016 ergibt sich insgesamt eine drastische Steigerung der Schadenzahlen um etwa 377 %. Immerhin: Die Analyse zeigt auch, dass sich die Zunahme von Bauschäden von 2002 bis 2016 allmählich verlangsamt. Trotzdem sind die jährlichen Zuwachsraten immer noch hoch.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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