Die Bundesregierung will Deutschland bis 2045 klimaneutral machen und setzt dafür bei der Gebäudeheizung voll auf strombetriebene Wärmepumpen. Um das anvisierte Ziel zu erreichen, sollen hierzulande bereits nächstes Jahr 500.000 neue Wärmepumpen installiert werden, in den Folgejahren ist ein weiterer Anstieg geplant. Wie realistisch sind diese Pläne, und was sagt die betroffene Branche dazu? Der Bundesverband Wärmepumpe gibt in seiner „Branchenstudie 2023“ Antworten.
In der aktuellen Branchenstudie geht der Bundesverband Wärmepumpe (BWP) sowohl auf aktuelle Marktentwicklungen als auch auf erforderliche Rahmbedingungen für den weiteren Markthochlauf ein. Die Branchenstudie hält eine weitere Beschleunigung bei den Installationszahlen und das Erreichen der 500.000-Marke bis 2024 durchaus für realistisch. Bis Ende der 20er-Jahre sei sogar eine Million Geräte pro Jahr möglich.
Damit das funktioniert, müssen laut Studie allerdings die Energiepreise „weiter zugunsten von Wärmepumpen ausgerichtet werden“. Die ambitionierten Ausbauziele setzen laut BWP eine stetige Verbesserung der Betriebskosten von Wärmepumpen gegenüber dem Heizen mit Erdgas und Heizöl voraus. Der Verband pocht hier insbesondere auf zusätzliche Entlastungen beim Strompreis (Absenkung Mehrwert- und Stromsteuer), denn Wärmepumpen nutzen zwar regenerative Umweltwärme zum Heizen, benötigen aber Strom, damit sie überhaupt laufen.
Den von der Politik Ende 2022 für die nächsten beiden Heizperioden beschlossene Gaspreisdeckel sieht die Studie übrigens kritisch, weil er das Preisverhältnis vorübergehend wieder zugunsten von Erdgas verschiebt.
Sprunghaftes Absatzwachstum
Der BWP mit Sitz in Berlin ist natürlich keine neutrale Organisation, sondern ein Lobby-Verband für Wärmepumpen. Seine Mitglieder – rund 700 Handwerker, Planer, Architekten, Bohrfirmen sowie Unternehmen aus den Bereichen Heizungsindustrie und Energieversorgung – repräsentieren die gesamte Wertschöpfungskette rund um Wärmepumpen. Bei der Branchenstudie 2023 handelt es sich also um eine Analyse aus Sicht eben dieser Branche.

„Die Industrie geht momentan massiv in Vorleistung“, meint BWP-Geschäftsführer Dr. Martin Sabel. „Die Unternehmen investieren in die Erweiterung von Fertigungskapazitäten, in neue Werke und neue Arbeitsplätze.“ Dadurch konnte der Wärmepumpen-Absatz in Deutschland 2022 um 53 % auf 236.000 Geräte gesteigert werden. Der Marktanteil von Wärmepumpen am gesamten Wärmeerzeugermarkt hat sich damit sprunghaft von 16,5 % (2021) auf etwa 25 % erhöht.
70 % aller neu eingebauten Heizungen waren aber weiterhin Gasheizungen. In Neubauten wiederum ist die Wärmepumpe bereits heute das am häufigsten verwendete Heizungssystem. Der Wärmepumpenanteil liegt hier aktuell bei 54 %. Doch auch im Gebäudebestand hat die Umweltwärme-Technik ihren Exotencharakter verloren. In absoluten Zahlen werden seit drei Jahren bereits mehr Wärmepumpen in Altbauten als in Neubauten installiert.
Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit 1,45 Mio. Wärmepumpen für die Gebäudebeheizung (Stand: Ende 2022). Die Autoren der Studie rechnen damit, dass sich dieser Bestand bis 2025 auf 2,8 Mio. Geräte verdoppelt. Bis zum Ende der 20er-Jahre werde voraussichtlich die Marke von 6 Mio. Wärmepumpen überschritten. Bis 2045 seien bereits etwa 16,5 Mio. Geräte realistisch.
Auf dem Weg zur Standardheizung
Für das laufende Jahr hält der BWP ein Marktwachstum auf 350.000 neu installierte Wärmepumpen für realistisch. „Jetzt ist die Politik am Zug: Die Industrie braucht für den weiteren Ausbau der Kapazitäten verlässliche Rahmenbedingungen und industriepolitische Unterstützung“, betont Sabel.

Als Chance für verlässliche Rahmenbedingungen betrachtet die Studie die geplante Novelle des Gebäudeenergiegesetzes ( GEG ). Diese sieht unter anderem vor, dass ab 2024 alle neu eingebauten Gebäudeheizungen zu mindestens 65 % mit erneuerbarer Energie betrieben werden müssen. In diesem Zusammenhang fordert die Studie vom Gesetzgeber eine „ausreichende Klarheit“ darüber, was im Sinne des Gesetzes als erneuerbare Energie gelten soll. Schwammige Formulierungen, bei denen auch reine Gasheizungen, die vielleicht später mal Wasserstoff einsetzen könnten, die GEG-Anforderungen erfüllen, lehnt der BWP ab.
Die 65-%-Regel könnte – bei ausreichender Klarheit – entscheidend dazu beitragen, dass Wärmepumpen hierzulande endgültig zur neuen Standardheizung werden. Das beinhalte auch wirtschaftliche Chancen für Deutschland – wird in der Branchenstudie argumentiert. Die hiesige Heizungsindustrie könne ihre Wettbewerbsfähigkeit am globalen Heizungsmarkt stärken, tausende Jobs in der Industrie würden gesichert oder neu geschaffen, viele davon in strukturschwachen Regionen.
Laut Studie sollte die Neuausrichtung deshalb auch industriepolitisch unterstützt werden. Die Autoren schlagen in diesem Zusammenhang „finanzielle Hilfen (Superabschreibungen, Kredite, Forschungsförderung) und gezielte Unterstützung beim Aufbau herstellerübergreifender Komponentenwerke, zum Beispiel im Rahmen der Important Projects of Common European Interest (IPCEI)“, vor.
Eine klare Richtungsentscheidung zugunsten der Wärmepumpe würde auch dem Fachhandwerk mehr Verlässlichkeit garantieren, argumentiert der BWP. „Das Fachhandwerk macht momentan eine beachtliche Entwicklung durch“, findet Verbandsgeschäftsführer Sabel. „Das Interesse von Handwerkerinnen und Handwerkern am Einbau von Wärmepumpen ist groß, die Fortbildungsangebote der Hersteller und Innungen werden stark nachgefragt. Diese Entwicklung muss durch eine klare Perspektive verstetigt werden.“
Förderung als unverzichtbare Basis
„Die Heizungsindustrie in Deutschland und Europa ist bei der Wärmewende auf Kurs“, sagt Dr. Tillman von Schroeter, Geschäftsführer beim mittelständischen Wärmepumpenhersteller Vaillant. Die Industrie würde derzeit massiv investieren, um die zukünftig benötigten Wärmepumpenmengen abzusichern. „Die Politik sollte die Industrie auf diesem Weg unterstützen. Die im Koalitionsvertrag angekündigten Superabschreibungen sind dafür ein gutes Beispiel, sie verbessern die Liquidität, um die Investitionspläne umzusetzen.“

Aus Sicht des Vaillant-Geschäftsführers ist darüber hinaus aber auch eine verlässliche Förderung für Immobilienbesitzer notwendig. Schon heute werden Wärmepumpen im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) mit bis zu 40 % der Investitionssumme gefördert. Diese staatliche Förderung bewertet die Branchenstudie als „ unverzichtbare Basis für den Wärmepumpen-Rollout “.
Der BWP wünscht sich aber, dass die BEG-Förderung künftig stärker auf Gebäudeeigentümer ohne Eigenmittel ausgerichtet wird. Auch für Hausbesitzer, die nicht über die Möglichkeit verfügen, zumindest einen Teil der Investition aus Eigenmitteln zu tätigen, müssten verlässliche Förderangebote bereitstehen – heißt es in der Branchenstudie 2023.