Die Bundesregierung fordert einen klimaneutralen Gebäudesektor. Sie sollte daher bei der Sanierung des öffentlichen Gebäudebestands vorangehen. Bislang waren die diesbezüglichen Kosten unklar. Eine neue Studie der Deutschen Energie-Agentur benennt nun erstmals konkrete Zahlen. Demnach sind Investitionen in Höhe von rund 120 Mrd. Euro notwendig, um bis 2045 alle öffentlichen Gebäude in Deutschland energetisch auf ein klimaneutrales Niveau zu bringen.
Die im September veröffentlichte Studie wurde von der Prognos AG und dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE) erarbeitet. Sie enthält auch eine deutliche Mahnung an die „öffentliche Hand“. Mit einem „weiter wie bisher“ werde diese ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht, sondern das Ziel eines klimaneutralen öffentlichen Gebäudebestands bis 2045 verfehlen. Sanierungsrate und Sanierungstiefe müssten daher signifikant erhöht werden.
Der volle Name der Veröffentlichung lautet „Fit für 2045 (Teil 2): Investitionsbedarf für die Transformation öffentlicher Nichtwohngebäude“ (PDF-Download hier ). Der erste Teil wurde bereits 2023 unter dem Titel „Fit für 2045: Zielparameter für Nichtwohngebäude im Bestand“ veröffentlicht (PDF-Download hier ). Herausgeber der Studie ist die Deutsche Energie-Agentur (dena), Auftraggeber das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).
6 Milliarden Euro pro Jahr
„Die Umsetzung der Energiewende benötigt in den nächsten Jahrzehnten hohe Investitionen, insbesondere im Gebäudesektor“, sagt Corinna Enders, Vorsitzende der dena-Geschäftsführung. Das kann man wohl sagen. Allein für die energetische Sanierung aller öffentlichen Gebäude in Deutschland bis 2045 sind laut Studie rund 120 Mrd. Euro notwendig. Das entspricht 6 Mrd. Euro pro Jahr.

Auch dieser Betrag beziffert übrigens lediglich die energiebedingten Mehrinvestitionen, die notwendig wären, um den Bestand bis 2045 klimaneutral zu machen. Sonstige notwendige Sanierungskosten sind hier nicht inbegriffen. Für die energetische Modernisierung des öffentlichen Gebäudebestands wurde in der Studie eine Sanierung auf den Effizienzhaus -Standard EH 40 angenommen. Auf dieser Annahme basiert die Prognose der Investitionskosten in Höhe von 120 Mrd. Euro.
Nach Angaben der dena würde die größte finanzielle Belastung – jährlich 4 Mrd. Euro – auf Deutschlands Kommunen entfallen, da bezogen auf die Fläche etwa 70 % der öffentlichen Gebäude in kommunalem Eigentum sind.
Zwei Szenarien
Kann sich Deutschland eine so große Investition in seinen öffentlichen Gebäudebestand überhaupt leisten? Leicht wird das sicher nicht, aber was wäre die Alternative? Die Studie beleuchtet diese Thematik, indem sie für elf öffentliche Gebäudetypen – vom Verwaltungsgebäude bis zur Schule – jeweils die energiebedingten Mehrkosten den erzielbaren Energiekosteneinsparungen gegenüberstellt. Dabei betrachtet sie zwei unterschiedliche Szenarien.
Das Szenario „Business as Usual“-Szenario bildet das aktuelle Sanierungsgeschehen mit einer Sanierungsrate von lediglich rund 1 % pro Jahr und einer Sanierungstiefe gemäß dem Mindeststandard des Gebäudeenergiegesetzes ( GEG ) ab. Nach den Ergebnissen der Studie würde Deutschland seine Klimaziele im Gebäudebereich bei diesem Szenario deutlich verfehlen. Das wäre also gewissermaßen eine „unerlaubte“ Alternative, denn schließlich hat sich Deutschland im Klimaschutzgesetz zur Klimaneutralität verpflichtet.
Das zweite Szenario ist das „Ziel“-Szenario: Es nimmt für das Erreichen der Gebäudesektor-Ziele gemäß Klimaschutzgesetz eine deutlich höhere Sanierungsrate von 4 % und eine Sanierungstiefe gemäß Effizienzhaus-Standard 40 an. Mit den dafür anfallenden energiebedingten Mehrinvestitionen von 120 Mrd. Euro könnten bis 2045 immerhin 45 Mrd. Euro an Energiekosten eingespart werden – so die Studie.

Rund 20 Jahre später würde sich die Investitionssumme durch die Einsparungen bei den laufenden Energiekosten amortisiert haben. Die Studie geht bezüglich der tatsächlichen Lebensdauer der energetischen Sanierungsmaßnahmen von 40 Jahre für die Gebäudehülle und 20 Jahre für die Anlagentechnik aus. Die dena folgert daraus, dass sich eine Sanierung auf EH 40 selbst ohne Förderung auch wirtschaftlich lohnen könnte. Beim Ziel-Szenario würden sich die Gesamtkosten von 120 Mrd. Euro aufgrund der langfristigen Energiekostenentlastung bis zum Jahr 2085 in ein positives Saldo von rund 90 Mrd. Euro verwandeln – heißt es in der Studie.
Woher soll das Geld kommen?
Der unmittelbare Nutzen der energetischen Sanierung für die Klimawende ist unbestreitbar. Doch auch wenn sich die Investitionen langfristig sogar wirtschaftlich amortisieren, bleibt die Frage, woher der Staat das viele Geld im Hier und Jetzt nehmen soll. Die Studie macht sich auch dazu Gedanken und fordert bestehende Finanzierungsinstrumente weiterzuentwickeln. Sie beleuchtet in diesem Zusammenhang 20 Finanzierungsinstrumente und evaluiert sechs davon detailliert: Eigenkapital, Fremdkapital, Energieliefer-Contracting, Intracting, Energiespar-Contracting und Klimaschutz-Contracting.
Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass bereits heute Umsetzungsgeschwindigkeit und -tiefe von energetischen Sanierungen erheblich gesteigert sowie Skalierung, Bündelung und Standardisierung erreicht werden können, indem externe Dienstleister privates Know-how einbringen, Umsetzungs- und Betriebsrisiken übernehmen sowie Ergebnis- und Einspargarantien geben – wie zum Beispiel beim Energiespar-Contracting.
Zur Erläuterung: Unter Energiespar-Contracting versteht man ein sehr weitgehendes Contracting-Modell, bei dem ein Dienstleister beauftragt wird, für ein Gebäude energieeffiziente Maßnahmen zu identifizieren, zu finanzieren, zu implementieren und zu betreiben, um den Energieverbrauch zu senken. Die Einsparungen durch diese Maßnahmen werden dann zur Amortisierung der Investitionen des Dienstleisters genutzt. Der Auftraggeber profitiert also nicht von günstigeren Energiekosten, muss dafür aber auch keine Eigenmittel für deren Umsetzung bereitstellen.