RM Rudolf Müller
Flexible Sturmklammern werden lose an Dachpfanne und Dachlatte eingehängt.  Foto: Braas

Flexible Sturmklammern werden lose an Dachpfanne und Dachlatte eingehängt.  Foto: Braas

Dach
23. April 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Dachpfannen: Sind Sturmklammern Pflicht?

Wer sein Dach liebt, der klammert. Sonst kann es bei Sturm schnell weg sein! Zumindest gilt das für Dachpfannen auf Steildächern. Die würden bei Windböen viel häufiger vom Dach gefegt, wenn es keine Sturmklammern gäbe. Deren Einsatz verhindert Schäden an der Dachhaut und vermindert das Risiko herumfliegender Dachpfannen. Was viele nicht wissen: Geprüfte Sturmklammern sind keine freiwillige Zusatzleistung, sondern bei Neueindeckungen schon länger Pflicht.

Moderne Dachpfannen verfügen über rückseitige Verfalzungen und werden damit lose an den Traglatten eingehängt. Hat man eine Reihe Dachziegel oder -steine auf diese Weise verlegt, folgt die nächste Reihe, welche die vorherige zum Teil überdeckt. Diese Konstruktionsweise ermöglicht eine stabile Dacheindeckung, ohne dass die Pfannen fest mit der Unterkonstruktion verbunden sind. Sie halten sich gegenseitig auf dem Dach, ganz ohne Nageln oder Verschrauben. Das erlaubt eine schnelle Eindeckung sowie ein problemloses Austauschen beschädigter Pfannen. Und bei normalen Wetterverhältnissen besteht durch die lose Verlegung auch keine Gefahr.

Neue Fachregeln

Nun gibt es aber auch in Deutschland Stürme und manchmal sogar Orkane. In manchen Regionen mehr, in manchen weniger. Insgesamt scheinen sie in den letzten Jahren eher zuzunehmen. In böser Erinnerung geblieben ist der Orkan „Kyrill“, der im Januar 2007 mit Windgeschwindigkeiten bis zu 225 km/h über Deutschland hinwegfegte und dabei auch reihenweise Dächer abdeckte.

Orkane, aber auch Stürme unterhalb der Orkangrenze – das heißt mit Windgeschwindigkeiten bis zu 117,7 km/h – erzeugen einen starken Windsog, dem lose verlegte Dachpfannen in vielen Fällen nicht mehr standhalten können. Deshalb hat der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) bereits 2011 seine Fachregeln verschärft. Seitdem gelten für Dächer, die mit Dachziegeln oder Dachsteinen gedeckt werden, strengere Verarbeitungsvorschriften zur Windsogsicherung.

Sicherheit durch Sturmklammern

Typische Sturmklammer für eine Biberschwanz-Doppeldeckung. Foto: FOS

Typische Sturmklammer für eine Biberschwanz-Doppeldeckung. Foto: FOS

Bei Neubauten oder bei der Neueindeckung von Bestandsdächern sind nun verstärkte Maßnahmen zu ergreifen, um das Herunterfallen von Dachziegeln oder -steinen infolge von Windereignissen zu verhindern. Dem Dachdecker stehen dafür vor allem so genannte Sturmklammern zur Verfügung, mit denen sich das Bedachungsmaterial punktuell auf der Dachlattung befestigen lässt. Die Industrie bietet mittlerweile zahlreiche Modelle und Stärken dieser rostfreien Metall-Klammern.

Während es in früheren Zeiten üblich war, Dachpfannen fest und starr an die darunter liegende Holzunterkonstruktion zu nageln oder zu schreiben, sind die modernen Sturmklammern überwiegend flexible Metallbefestigungen zum Einhängen. Sie lassen sich einfach anbringen und bei Bedarf auch schnell wieder entfernen. Das eine Ende der Klammern wird der Regel in den Seitenfalz der Dachpfanne eingehängt, das andere Ende an der Lattung befestigt. Das ist zwar ein zusätzlicher Arbeitsschritt, aber der Dachdecker verliert dadurch nur relativ wenig Zeit. Weitere Infos zu flexiblen Sturmklammern bietet auch unser Beitrag „Windsogsicherung fürs Dach: Flexible Sturmklammern“.

Berechnung der Windlasten

Die Montage der Klammern geht schnell, doch im Vorfeld fällt schon ein gewisser Planungsaufwand an. Idealerweise errechnet der Verarbeiter für jeden Einsatzort individuell, wie viele Sturmklammern auf der Dachfläche notwendig sind. Die zu erwartenden Windlasten hängen von der jeweiligen Dachgeometrie, von den Gebäudeabmessungen, vom Material der Dacheindeckung sowie von der Beschaffenheit der Deckunterlage ab. Außerdem muss der Dachdecker die jeweilige Windzone berücksichtigen, in der das Gebäude steht. Deutschland ist nämlich in vier unterschiedlich stark belastete Windzonen eingeteilt, die in der DIN 1055 definiert werden (siehe Karte).

„Eine dreiminütige Berechnung kann drei Stunden auf dem Dach ersparen“, wirbt Michael Wecker für die individuelle Windlastenbestimmung. Der Vertriebsleiter des Sturmklammer-Herstellers FOS (Friedrich Ossenberg-Schule) fügt hinzu: „Durch eine objektbezogene, individuelle und detaillierte Berechnung der benötigten Verlegeschemata und Klammern reduziert sich häufig deren Anzahl. Dadurch spart der Verarbeiter Zeit und Geld.“

Digitale Tools

Nach DIN 1055 wird Deutschland in vier Windzonen eingeteilt. Grafik: FOS

Nach DIN 1055 wird Deutschland in vier Windzonen eingeteilt. Grafik: FOS

Natürlich lässt die Industrie den Dachdecker mit der Planung nicht allein. Viele Dachpfannen- und Dachzubehörhersteller bieten heute einfach zu bedienende digitale Tools für die Sturmklammerberechnung an. Der Dachdecker gibt dabei die wichtigsten Parameter zu seinem Objekt ein, und das Programm errechnet daraus die benötigte Anzahl und Art der Klammern sowie das optimale Verlegeschema. „Das Argument, dass die Mehrkosten einer fachgerechten Befestigung erheblich geringer sind als die Kosten eines Sturmschadens, überzeugt jeden Bauherrn“, sagt Michael Wecker.

FOS bietet auf seiner Website als zusätzlichen Service den so genannten „Clip-Check“ an. Dieses Online-Tool hilft dem Dachhandwerker bei der Auswahl der richtigen Sturmklammern. Schließlich gibt es ein riesiges Angebot unterschiedlich geformter Dachpfannen, und nicht immer passt der gleiche Klammertyp. Beim Clip-Check erhält der Dachdecker durch Eingabe der Dachpfannen- und Gebäudespezifikationen mit wenigen Klicks eine Auswertung, die ihm zeigt, welche Klammern auf sein Objekt abgestimmt sind.

Haftungsrisiko des Handwerkers

Aber sind Sturmklammern bei Neueindeckungen denn wirklich in allen deutschen Windzonen Pflicht? Die Regeln sind hier mittlerweile tatsächlich streng. FOS-Vertriebsleiter Michael Wecker erklärt warum: „Wir alle erleben hautnah, dass sich das Klima im Wandel befindet. Eine Folge sind Stürme in Gegenden, die früher nicht betroffen gewesen sind. Aus diesem Grund müssen laut der deutschen Fachregel und dem europäischen Eurocode in allen Windzonen Teilflächen von Steildächern mit Sturmklammern gesichert werden.“

Und was ist, wenn der Dachhandwerker eine schriftliche Bestätigung vom Bauherren erhält, dass dieser keine Sturmsicherung wünscht? Wecker warnt eindringlich vor solchen Abmachungen: „Die strafrechtliche Verantwortung bleibt weiterhin als persönliches Risiko beim Handwerker! Wir verweisen auf den § 319 des Strafgesetzbuches zum Thema Baugefährdung und fahrlässige Körperverletzung oder Tötung. Der Handwerker kann sich durch eine Vereinbarung mit dem Bauherrn nicht freizeichnen, er kann einen solchen Auftrag in seinem eigenen Interesse nur ablehnen.“

Dieser Beitrag ist eine Aktualisierung und Ergänzung unseres ursprünglichen Beitrags „Sturmklammern: Wie schütze ich mein Dach in stürmischen Zeiten?“ von März 2013.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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