RM Rudolf Müller
Die Fliesen des Herstellers Mosa haben neuerdings eine Gold-Zertifizierung.  Foto: Mosa

Die Fliesen des Herstellers Mosa haben neuerdings eine Gold-Zertifizierung.  Foto: Mosa

Energetisches Bauen
16. März 2022 | Artikel teilen Artikel teilen

Was heißt „Cradle to Cradle“?

Der englische Begriff bedeutet übersetzt „Von der Wiege zur Wiege“. Er steht für die Vision eines perfekten Kreislaufsystems, in dem Produkte am Ende ihrer Lebensdauer keinerlei Abfall mehr hinterlassen. Was sich utopisch anhört, versuchen manche Hersteller tatsächlich bereits praktisch umzusetzen – sogar in der Baustoffbranche.

Im Jahr 2002 veröffentlichten der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart und der amerikanische Architekt William McDonough gemeinsam ein Buch, in dem sie unter der Überschrift „Cradle to Cradle“ eine neue Produkttheorie propagierten. Damit regten sie ein Nachdenken über eine neue Qualität der Nachhaltigkeit an und lösten eine weltweite Bewegung aus, die sich branchenübergreifend für die Entwicklung von Produkten einsetzt, die entweder komplett kompostierbar sind oder aber ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden können.

Kompost oder Upcycling

In einer Welt, in der das Prinzip des Cradle to Cradle (C2C) zum Standard geworden ist, würde der Mensch praktisch keinen Müll mehr produzieren. Produkte würden am Ende ihres Lebenszyklus nicht mehr als Abfall enden, sondern als wertvolle „Nährstoffe“ erneut in den Naturkreislauf einfließen oder eben 100-prozentig zur Herstellung neuer hochwertiger Produkte dienen. C2C-Anhänger sprechen in diesem Fall von „Upcycling“.

Das Konzept klingt utopisch, wenn man seinen Erfolg daran misst, dass es ausnahmslos bei allen von Menschen produzierten Gütern berücksichtigt wird. Andererseits gibt es aber bereits heute Produkte, die zumindest teilweise C2C-Anforderungen genügen – und es werden ständig mehr. Das Spektrum reicht von kompostierbaren Textilien über biologisch abbaubare Turnschuhe bis hin zu komplett recycelbaren Filzstiften. Diese Form von Nachhaltigkeit kommt heute bei vielen Verbrauchern gut an und wird daher auch von der Industrie keineswegs ignoriert.

C2C-Zertifizierung

Der Plattenwerkstoff Ecor besteht aus recycelten Zellulosefasern. Foto: Ecor

Der Plattenwerkstoff Ecor besteht aus recycelten Zellulosefasern. Foto: Ecor

Michael Braungart ist nicht nur Visionär, sondern auch Pragmatiker. Zumindest gründete er bereits 1987 die EPEA GmbH, die von Hamburg aus bis heute an der Verbreitung der C2C-Idee arbeitet und unter anderem Produktherstellern ein Zertifizierungsprogramm nach dem „Cradle to Cradle Certified“-Standard anbietet. Unternehmen, die dieses Programm erfolgreich durchlaufen, können dadurch nachweisen, dass ihre überprüften Produkte bestimmte C2C-Anforderungen erfüllen. Solche Zertifizierungen werden heute übrigens weltweit auch von vielen anderen Expertenorganisationen angeboten.

Würden im Rahmen der Zertifizierungen ausschließlich Produkte ausgezeichnet, die bereits alle Kriterien der Cradle-to-Cradle-Vision von Braungart und McDonough ausnahmslos erfüllen, dann würde man auf Seiten der Industrie vermutlich kaum Unternehmen finden, die sich daran beteiligen. Schließlich bedeutet C2C im Sinne der beiden Vordenker nicht nur die konsequente Vermeidung von Abfall, sondern auch, dass durch Herstellung, Nutzung und Wiederverwertung der Produkte keinerlei negative Umweltwirkungen ausgelöst werden.

Solche Maximalanforderungen würden zweifellos auch viele interessierte Unternehmen abschrecken, die grundsätzlich durchaus Interesse daran haben, ihr Produktangebot nachhaltiger zu machen. Mit einem derartigen Zertifizierungsprogramm ließe sich daher in der Praxis kein nennenswerter Einfluss auf die Produktionsweisen der Hersteller ausüben. Das ist vermutlich ein wesentlicher Grund dafür, dass das „Cradle to Cradle Certified“-Programm verschiedene C2C-Level vorsieht. Genauer gesagt können Unternehmen Produktauszeichnungen in den vier Kategorien Bronze, Silber, Gold und Platin erhalten. Das ermöglicht eine breitere Teilnahme auf Industrieseite und erlaubt langfristige Fortschritte im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung.

Beispiele aus der Baustoffbranche

Diese Keramikrohre sind zwar nicht aus Recyclingmaterialien gefertigt, lassen sich aber zu 100 % wiederverwerten. Foto: Steinzeug Keramo

Diese Keramikrohre sind zwar nicht aus Recyclingmaterialien gefertigt, lassen sich aber zu 100 % wiederverwerten. Foto: Steinzeug Keramo

In der Baustoffbranche sind C2C-Zertifizierungen bisher noch alles andere als die Regel – aber es gibt sie. Grundsätzlich könnte eine verstärkte Umsetzung des Konzepts in dieser Branche nicht nur zu mehr Kreislaufwirtschaft, sondern auch zu mehr Wohngesundheit führen. Nach Angaben der EPEA enthalten viele der heute in Gebäuden verwendeten Produkte gesundheitsgefährdende Stoffe. Das ist nicht nur Gift für die Menschen, sondern auch für die spätere Wiederverwertbarkeit der Materialien.

Ein Beispiel für einen Baustoff, der bereits mit einem C2C-Zertifikat in Silber ausgezeichnet wurde, ist der Plattenwerkstoff Ecor, der vor allem im Innenausbau und bei der Möbelherstellung zum Einsatz kommt. Ecor-Platten bestehen zu 100 % aus recycelten Zellulosefasern und lassen sich später erneut vollständig recyceln.

Über ein bronzenes Cradle-to-Cradle-Certified-Zertifikat verfügen die keramischen Abwasserrohre des Herstellers Steinzeug-Keramo. Dafür mussten sie nicht mal neu erfunden werden. Denn die Steinzeug-Rohre bestehen schon immer aus natürlichen Rohstoffen, sie sind schadstofffrei und komplett recyclingfähig. Dass es hier „nur“ zum Bronze-Zertifikat gereicht hat, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Rohre zwar recycelfähig sind, aber nicht aus Recyclingmaterialien hergestellt werden. Laut Hersteller stammen die Rohstoffe „aus Tongruben in unmittelbarer Nähe“ und sind „ökologisch unbedenklich“.

Das Zertifizierungskonzept der kontinuierlichen Verbesserung lässt sich gut an den keramischen Boden- und Wandfliesen des niederländischen Herstellers Mosa illustrieren. Die Produkte verfügten schon seit rund zehn Jahren über eine Silber-Zertifizierung, doch Anfang dieses Jahres erfolgte ein „Update“ auf Gold. Zu den Gründen für diese Höhereinstufung zählt unter anderem, dass Mosa Rohkreide, die als Grundstoff für Keramikfliesen verwendet wird, nun zu 33 % durch Kalzit ersetzt, ein Nebenprodukt aus der Trinkwassergewinnung. Als Rohstoff kommt also Kalk aus Trinkwasser zum Einsatz, das man von örtlichen Wasserwerken bezieht. Aus einem Abfallprodukt wird hier ein wertvoller Rohstoff für die Fliesenherstellung. Wenn das kein Upcycling ist!

Von „Cradle to Grave“ zu „Cradle to Cradle“

Die meisten Baustoffhersteller bewerten die Nachhaltigkeit ihrer Produkte bisher allerdings meist auf Grundlage der Betrachtungsweise „Cradle to Grave“ („von der Wiege bis zur Bahre“). Für die Ökobilanz wird dabei der gesamte Lebenszyklus des Produkts dokumentiert – von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung bis hin zur Nutzungsphase und späteren Entsorgung. Aber ein Produkt kann eine hervorragende Ökobilanz haben, und trotzdem kann am Ende ein Downcycling stehen. Herkömmliche Kunststoffe zum Beispiel werden im Idealfall mehrfach recycelt, doch bei jedem Durchgang lässt ihre Qualität nach und schließlich enden sie doch als Abfall.

Auch für die meisten nachhaltigen Produkte gilt daher, dass sie langfristig betrachtet der Natur mehr Ressourcen entziehen als sie ihr wieder zurückgeben. Bei echten C2C-Produkten ist das anders. Zumindest die ursprüngliche Idee von Braungart und McDonough zielt letztlich auf eine unendliche Zirkulation von Materialien und Nährstoffen.

Nach dem C2C-Konzept der EPEA sollen biologisch abbaubare Güter in biologischen Kreisläufen zirkulieren, sodass man die Materialien nach ihrem Gebrauch wieder sicher an die Natur zurückgeben kann. Produktion und Konsumption sollen so im Idealfall zu einer umweltfreundlichen Tat werden, eben weil Konsumprodukte wieder als unschädliche Nährstoffe in den Naturkreislauf einfließen.

In technischen Kreisläufen wiederum sollen Gebrauchsgüter wie beispielsweise Elektronikartikel oder Fußböden zirkulieren. Solche Produkte sollen von Anfang an so konstruiert werden, dass man sie nach ihrem Lebenszyklus in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegen und ohne Qualitätsverlust wieder in andere technische Güter einfließen lassen kann. Zugleich sollen sie möglichst langlebig und reparierbar sein.

Dieser Text ist eine Aktualisierung unseres Beitrags „Erklärt: Das Cradle-to-Cradle-Konzept“ von September 2014.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: freierjournalist@rolandgrimm.com

 

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