RM Rudolf Müller
Verlorene Schalung als Streifenfundament. Foto: Lohr Element

Verlorene Schalung als Streifenfundament. Foto: Lohr Element

Grundstoffe des Bauens
21. November 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist eine verlorene Schalung?

Wenn Betonbauteile direkt auf der Baustelle aus Frischbeton gegossen werden, kommen Schalungen zum Einsatz. Das sind die Hohlformen, die nach der Geometrie des geplanten Bauteils gestaltet werden und die dem flüssigen Beton die gewünschten Grenzen setzen. Nach Erhärtung des Betons entfernt man sie normalerweise. Doch es gibt eine Schalungsart, bei der das nicht so ist: die so genannte verlorene Schalung.

Die verlorene Schalung wird nach dem Aushärten des Betons eben nicht entfernt, sondern verbleibt stattdessen dauerhaft im Bauwerk. Man kann sie daher für andere Bauwerke auch nicht mehr wiederverwenden, für derartige Zwecke ist sie sozusagen „verloren“. Dafür muss man andererseits die Schalhaut nicht mehr entfernen und reinigen, und man spart sich den Rücktransport von der Baustelle. Dieser Aufwand kann nämlich mitunter sehr groß sein, je nachdem, in welchem Gebäudebereich Schalungen zum Einsatz kommen.

„Unsichtbare“ Bauteile

Eins ist klar: Für Betonbauteile, die man im späteren Gebäude noch sehen soll – zum Beispiel Sichtbetonwände – sind verlorene Schalungen von vorneherein ausgeschlossen. In solchen Fällen wäre es unsinnig, wenn der Beton dauerhaft hinter der Schalungshaut verborge bliebe. Immerhin sieht man von den Schalungen, die später entfernt werden, oft noch einen Abdruck auf der Betonoberfläche, sofern das aus Designgründen gewünscht ist. Bekanntes Beispiel dafür ist die typische Bretteroptik, die bei der Verwendung von Holzschalungen entsteht. Für glatte, konturlose Oberflächen eigenen sich dagegen eher Schalungen aus Metall oder Kunststoff.

Verlorene Schalungen dagegen verwendet man für Bauteile, die im fertigen Gebäude nicht oder nur teilweise zu sehen sind und die nach der Aushärtungsphase des Betons oft auch nur noch schwer zugänglich sind, sodass eine spätere Entfernung der Schalhaut nur mit großem Zeit- und damit Kostenaufwand möglich wäre. Es gibt einige solcher Bauteile in Gebäuden.

Anwendungsbereiche

Ringankerschalung aus XPS-Dämmstoff. Foto: Lohr Element

Ringankerschalung aus XPS-Dämmstoff. Foto: Lohr Element

Häufig eingesetzt werden verlorene Schalungen zum Beispiel beim Gießen von Stahlbetondecken. So genannte Deckenrandschalungen dienen zur Begrenzung der vier seitlichen Deckenränder. Sie werden auf dem Mauerwerk befestigt, auf dem die Decke aufliegen soll und bestehen oft zu einem Großteil aus Kunststoff-Hartschaum. Dadurch übernimmt die Schalung auch eine Dämmwirkung und hilft dabei, Wärmebrücken in der Gebäudehülle zu vermeiden.

Auch für das Gießen von Ringankern aus Stahlbeton verwendet man verlorene Schalungen. Ringanker werden gebäudeumlaufend in Mauerwerksbauten integriert. Sie nehmen horizontale Lasten auf und dienen zur Aussteifung von Wänden. Am bekanntesten ist der Ringanker am Bauwerkskopf, der oben auf den Außenwänden thront und die Basis für den Dachstuhl ist. Bei Gebäuden mit zwei oder mehr Vollgeschossen baut man auch zwischendurch Ringanker ein. Geschieht dies mit Frischbeton, kommen in der Regel verlorene Schalungen als Hilfsmittel zum Einsatz.

Ein weiteres Einsatzfeld für verlorene Schalungen ist die Herstellung von Stürzen und Unterzügen aus Frischbeton. Was Stürze sind, haben wir hier bereits in einem eigenen Beitrag erklärt. Als Unterzüge bezeichnet man balkenförmige, horizontale Trägerbauteile, die unterhalb von Decken Lasten aufnehmen und sie auf Stützen oder Querwände übertragen.

Schließlich findet man verlorene Schalungen auch sehr häufig im schwer zugänglichen Bereich des Gebäudefundaments. Sie dienen einerseits als Randschalungen für Bodenplatten, werden andererseits aber auch zur Herstellung von Streifenfundamenten verwendet.

Typische Materialien

Auch Betonstürze werden oft mithilfe verlorener Schalungen gegossen. Foto: Lohr Element

Auch Betonstürze werden oft mithilfe verlorener Schalungen gegossen. Foto: Lohr Element

Im Prinzip lassen sich verlorene Schalungen aus ähnlichen Materialien herstellen wie normale Schalungen, die später entfernt werden: also etwa aus Holzwerkstoffen oder Metall. Manchmal wird die Schalungshaut auch mit Steinen gemauert oder besteht aus Fertigbeton. Wie oben bereits angedeutet, bestehen im Zeitalter des energetischen Bauens verlorene Schalungen allerdings immer häufiger aus Dämmstoff. Die Idee dahinter: Warum sollten ursprünglich nützliche, auf Dauer aber nicht mehr benötigte Gussformen im Bauwerk verbleiben, wenn man stattdessen auch Dämmmaterial verwenden kann, das dauerhaft zum Wärme- oder Schallschutz des Gebäudes beiträgt?

Während die Herstellung der Schalungen früher oft eine eher improvisierte Bastelei direkt auf der Baustelle war, haben in den letzten Jahrzehnten zunehmend spezialisierte Industrieunternehmen diesen Markt für sich entdeckt. Heute gibt es Anbieter, die alle möglichen Arten verlorener Schalungen als vorgefertigte Serienprodukte anbieten. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist die deutsche Firma Lohr-Element, die seit 1994 industriell gefertigte verlorene Schalungen aus extrudiertem Polystyrol-Schaum (XPS) herstellt. Das Material bietet nicht nur hervorragende Dämmwerte, sondern schützt den Betonkern auch zusätzlich vor Feuchtigkeit. Angesichts solcher Funktionen ist der Begriff „verlorene Schalung“ eigentlich gar nicht mehr zutreffend. Zumindest steht „verloren“ hier nicht für „nutzlos“.


Mehr zum Thema Beton finden Sie in der Übersicht


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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