RM Rudolf Müller
Fertigsturz aus Kalksandstein: Im Inneren befindet sich ein Betonkern mit Stahlbewehrung. Grafik: KS Sturz

Fertigsturz aus Kalksandstein: Im Inneren befindet sich ein Betonkern mit Stahlbewehrung. Grafik: KS Sturz

 
Fassade und Massivbau
15. August 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist ein Fenster- oder Türsturz?

Vom berühmten Fenstersturz zu Prag hast du vielleicht schon mal etwas im Geschichtsunterricht gehört. Er fand im Jahr 1618 statt und gilt als Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg. Damals wurde tatsächlich jemand aus einem Fenster gestürzt. Wenn wir von Fenster- oder Türstürzen im Bauwesen sprechen, ist damit allerdings etwas völlig anderes gemeint.

Der Begriff Sturz kommt bereits in einem älteren Beitrag auf baustoffwissen.de vor, in dem es um Brandschutzmaßnahmen bei WDVS geht. Dort ist vom Sturzschutz die Rede. Dabei handelt es sich um kurze Streifen aus nichtbrennbarem Dämmstoff (meist Mineralwolle), die man früher in WDVS-Fassaden integriert hat, die ansonsten mit dem Dämmstoff EPS ausgeführt wurden. Solche Sturzschutz-Streifen befinden sich bei vielen Bestandsgebäuden oberhalb von Fassadenöffnungen wie Fenster und Türen – eben im Bereich der Wandstürze. Sie sollen verhindern, dass sich Gebäudebrände über die Außenfassade geschossübergreifend ausbreiten.

Im Neubau wird der kleinteilige Sturzschutz seit einigen Jahren kaum noch ausgeführt. Stattdessen haben sich gebäudeumlaufende Brandschutzriegel durchgesetzt, die natürlich ebenfalls oberhalb der Fassadenöffnungen angeordnet sind. Die alte Praxis des Sturzschutzes veranschaulicht aber gut, was ein Sturz überhaupt ist: nämlich die obere Abdeckung beziehungsweise Begrenzung eine Mauerwerköffnung. Je nach Art der Öffnung handelt es sich zum Beispiel um einen Fenster- oder Türsturz. Stürze kommen aber auch bei größeren Durchfahrten zum Einsatz.

Funktion

Historischer Fenster- und Türsturz aus monolithischem Naturstein. Foto: Pixabay

Historischer Fenster- und Türsturz aus monolithischem Naturstein. Foto: Pixabay

Obere Abdeckung einer Mauerwerköffnung? Na gut. Aber warum hat die überhaupt einen eigenen Namen („Sturz“). Ist das nicht einfach „ein Stück Mauer“ wie jedes andere auch? Nicht ganz. Ein Sturz ist eben nicht irgendein Stück Mauer, sondern ein besonders tragfähiges. Als obere Begrenzungen von Fenster- oder Türöffnungen übernehmen Stürze die Funktion stabiler Träger.

Normalerweise tragen sich gemauerte Wände von selbst. Unterhalb des Sturzes aber befindet sich ja gar keine Wand, sondern eine Öffnung. Der Sturz muss also stabil genug sein, um die über ihm liegenden Lasten zu tragen, ohne dass er durchbiegt und der darunterliegende Fenster- oder Türrahmen Schaden nimmt. Der Sturz überspannt die Wandöffnung und liegt an seinen beiden Enden auf dem Mauerwerk neben der Wandöffnung auf. Er nimmt das Gewicht von oben auf und leitet es in die tragfähigeren Mauerwerkbereiche ab.

Materialien

Gemauerter Bogensturz bei einem Ziegelgebäude. Foto: Pixabay

Gemauerter Bogensturz bei einem Ziegelgebäude. Foto: Pixabay

Viele Sturzbauteile verfügen heute über eine Stahlbewehrung, mit deren Unterstützung sie ihre Funktion als tragende Bauteile erfüllen. Das gilt zum Beispiel für Stürze aus Stahlbeton. Diese hat man früher direkt auf der Baustelle aus Frischbeton in Schalungen gegossen und auf diese Weise in das übrige Mauerwerk integriert. Doch dieses Verfahren ist zeitaufwändig, da es lange dauert, bis der Beton erhärtet und tragfähig ist.

Um lange Wartezeiten zu vermeiden, kommen bei heutigen Bauten häufig Fertigstürze zum Einsatz, die werkseitig vorgefertigt und als Komplettbauteil auf die Baustelle geliefert und eingebaut werden. Solche Fertigstürze bestehen zum Beispiel aus Stahlbeton, aber auch reine Stahlträger sind üblich. Außerdem bieten die Mauerwerkhersteller mittlerweile auch gemauerte Stürze an. So gibt es zum Beispiel Fertigsturze aus Kalksandsteinen oder Ziegelsteinen – jeweils verstärkt mit Stahlbewehrungen.

Historische Stürze

Fachwerkhaus mit durchgehendem Fenster-Sturzriegel aus Holz. Foto: Pixabay

Fachwerkhaus mit durchgehendem Fenster-Sturzriegel aus Holz. Foto: Pixabay

Vor dem Zeitalter des Stahlbetons baute man Fenster- und Türstürze noch ganz ohne metallische Bewehrungen. Ganz früher verwendete man einfach große, behauene Natursteine als Stürze. In der mittelalterlichen Fachwerk-Architektur kamen dagegen Holzbalken als Querverstrebung über den Wandöffnungen zum Einsatz – so genannte Sturzriegel. Bei späteren Steinbauten wiederum – vor allem bei Gebäuden aus Backsteinen – etablierten sich gemauerte Stürze, die bogenförmig über den Wandöffnungen verlaufen. Diese so genannten Bogenstürze eigneten sich aufgrund ihrer Form gut, um auftretende Lasten in das benachbarte Mauerwerk abzuleiten.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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