RM Rudolf Müller
Warnsignal Schulabgänger: Sinkende Zahlen könnten den Ausbildungsmarkt belasten.  Foto: Pixabay

Warnsignal Schulabgänger: Sinkende Zahlen könnten den Ausbildungsmarkt belasten.  Foto: Pixabay

Hintergrundwissen
02. Juli 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Demographie: Ausbildungsmarkt im Wandel?

Jedes Frühjahr veröffentlicht das Bundesbildungsministerium den Berufsbildungsbericht, der die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Vorjahr zusammenfasst. 2019 sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Ein Hauptgrund: In Deutschland gibt es weniger Schulabgänger.

„Der Berufsbildungsbericht 2020 zeigt uns, dass der demographische Wandel auf dem Ausbildungsmarkt angekommen ist“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek Anfang Mai anlässlich der Vorstellung des Berichts (siehe auch News vom 20. Mai).

Tatsächlich ist vergangenes Jahr die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge auf knapp 525.100 zurückgegangen. Davon waren 510.700 betriebliche Ausbildungsverträge (2018: 516.500) sowie 14.400 außerbetriebliche Ausbildungsverträge (2018: 14.900). Insgesamt gab es also 6.300 Verträge weniger (–1,2 %).

Zehn-Jahres-Rückschau

2018 hatte es noch rund 531.400 neue Verträge gegeben, und damals wurde im Vergleich zum Vorjahr ein klares Plus von über 8.000 Verträgen gezählt. Aber erleben wir nun eine langfristige Kehrtwende? Die Zahlen der letzten zehn Jahre mahnen eher zur Vorsicht bezüglich voreiliger Schlussfolgerungen. Vergleicht man die Jahre 2009 (rund 564.000 neue Ausbildungsverträge) und 2019 (525.100) direkt miteinander, ergibt sich zwar unterm Strich ein Minus von knapp 39.000 Verträgen – in der Zwischenzeit ging die Kurve aber auch mehrmals wieder nach oben.

Betrachtet man die gesamte Dekade, gab es bei der Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zwar immer wieder leichte Schwankungen, diese fielen aber niemals dramatisch aus. Insgesamt blieb der Wert eigentlich relativ konstant. Am wenigsten neu abgeschlossene Ausbildungsverträge wurden im Jahr 2016 gezählt (rund 520.000), am meisten waren es 2011 (rund 569.000).

Weniger Schulabgänger

Ist der Rückgang von 2019 also nur eine normale Schwankung, und werden wir in den nächsten Jahren wieder einen Anstieg der Zahlen erleben? Der Berufsbildungsbericht ist hier eher skeptisch. Er interpretiert den Rückgang nämlich vor allem als Folge des demographischen Wandels – genauer gesagt: als Folge der geringeren Zahl an Absolventen von allgemeinbildendenden Schulen.

Tatsächlich sinkt die Gesamtanzahl der Schulabgänger schon seit vielen Jahren. Der Berufsbildungsbericht vergleicht das Jahr 2009, in dem die Anzahl der Schulabgänger noch bei 929.500 lag, mit dem Jahr 2018, in dem der Wert nur noch bei 812.200 lag. Zugleich war ein langfristiger Trend zu höheren Schulabschlüssen zu verzeichnen.

Dass sich die sinkende Zahl der Schulabgänger in den letzten Jahren noch nicht gravierend auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar gemacht hat, lag nach Angaben des Berichts vor allem an Menschen mit Fluchthintergrund, die insbesondere in handwerklichen Ausbildungsberufen verstärkt aufgenommen wurden. Dieser dämpfende Effekt auf das Problem der sinkenden Schulabgänger-Zahlen schwäche sich nun jedoch erkennbar ab – heißt es im Bericht. Die Zahl junger Menschen mit Fluchthintergrund, die sich für eine Ausbildungsstelle interessieren, habe im vergangenen Jahr nämlich leicht abgenommen.

Prognose bis 2030

Grafik zur Schulabgänger-Entwicklung aus dem Berufsbildungsbericht 2020.

Grafik zur Schulabgänger-Entwicklung aus dem Berufsbildungsbericht 2020.

Der Berufsbildungsbericht 2020 zitiert Schätzungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), wonach die Zahl der Schulabgänger in den nächsten Jahren weiter zurückgehen wird. Demnach werde der Tiefstand voraussichtlich erst 2025 erreicht – mit einer Anzahl von 773.700 Schulabgängern. Danach könnten die Zahlen bis 2030 wieder auf 816.500 ansteigen. Diese Prognose bewerten die Autoren des Berichts als Herausforderung für die Sicherung des künftigen Fachkräftebedarfs in Deutschland.

Der Trend zu weniger Schulabgängern bei gleichzeitig höheren Schulabschlüssen trifft die Anbieter von betrieblichen Ausbildungsberufen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) beziehungsweise der Handwerksordnung besonders hart. Denn diese klassischen dualen Ausbildungsberufe konnten in der Vergangenheit vor allem auf Schulabgänger mit niedrigem bis mittlerem Abschluss bauen – eine Gruppe, die in den letzten zehn Jahren überproportional geschrumpft ist.

Der Rückgang an neuen Ausbildungsverträgen trifft allerdings nicht alle Berufe gleichermaßen. In Handwerk, Industrie und Handel war er 2019 durchaus spürbar, dagegen verzeichneten die freien Berufe (+ 1,9 % ) sowie der öffentliche Dienst (+ 4,5 %) sogar ein Plus bei neuen Ausbildungsverträgen. Auch für die schulischen Ausbildungsgänge der Berufe des Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesens entschieden sich 2019 deutlich mehr Personen als im Vorjahr (+ 7.100).

Entwicklung des Ausbildungsplatzangebotes

Laut Berufsbildungsbericht standen 2019 auf dem deutschen Ausbildungsmarkt unterm Strich 100 Jugendlichen 105,2 Ausbildungsstellen zur Verfügung. Wenn die Zahl der Schulabgänger weiter sinkt, werden dann in den nächsten Jahren immer mehr Unternehmen umsonst nach Azubis suchen?

Das muss nicht unbedingt so sein. Denn auch die Zahl der angebotenen betrieblichen Ausbildungsplätze sank 2019 um 10.300 auf knapp 563.900 Stellen (–1,8 %). Zwar gab es Ende September 2019 noch 53.100 offene Stellen. Aber das waren 7,8 % weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Ein sinkendes Angebot an Ausbildungsbewerbern muss also nicht zwangsläufig zu größeren Engpässen auf Unternehmensseite führen, da deren Nachfrage ja ebenfalls sinken kann.

In diesem Zusammenhang bringen vor allem die Folgen der Corona-Krise einen neuen Unsicherheitsfaktor ins Spiel. Wenn die deutsche Wirtschaft schrumpft, wird aller Voraussicht nach auch weniger ausgebildet. Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), formulierte es anlässlich der Vorstellung des Berufsbildungsberichts 2020 folgendermaßen: „Der Ausbildungsmarkt wird in diesem Jahr von den Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht verschont bleiben. Dort, wo die ökonomischen Verwerfungen tiefgreifender sind, ist die Gefahr einer nachlassenden Ausbildungsbereitschaft besonders hoch.“


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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