RM Rudolf Müller
Überall sind wir von elektromagnetischen Feldern umgeben – mit ungewissen gesundheitlichen Folgen. Foto: Pixabay

Überall sind wir von elektromagnetischen Feldern umgeben – mit ungewissen gesundheitlichen Folgen. Foto: Pixabay

Forschung, Technik und Trends
14. Februar 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Wohngesundheit: Baustoffe gegen Elektrosmog

Der moderne Mensch verbringt den größten Teil seines Lebens in Gebäuden. Das kann schnell ungesund werden, nicht nur wegen mangelnder körperlicher Bewegung, sondern auch wegen chemischer Ausdünstungen aus Baustoffen und Möbeln (Stichwort: VOC) oder biologischer Belastungen wie Schimmel an der Wand. Aber auch der zunehmende Elektrosmog ist eine Bedrohung, die vielen Menschen Angst macht. Baustoffe, die Strahlung abschirmen, können hier weiterhelfen.

Fernseher, HiFi-Anlage, Computer, Festnetz-Telefon, Beleuchtungsmittel: Vor allem unsere Wohnzimmer sind traditionell Orte, an denen wir elektrotechnische Anwendungen konzentrieren. Das erzeugt oft ein Wirrwarr aus stromführenden Kabeln. Diese Kabel sondern selbst bei ausgeschalteten Geräten permanent eine Niederfrequenzstrahlung ab, die wir zwar nicht sehen können, die aber zumindest bei empfindlichen Menschen gesundheitsschädigend sein kann. Das gilt noch viel mehr für die vielen kabellosen Elektrogeräte, die in den letzten Jahren Einzug in unsere Wohnräume gefunden haben. Smartphones, schnurlose Festnetztelefone und all die anderen Geräte, die über WLAN oder Bluetooth miteinander kommunizieren, sorgen nämlich für eine ständige Hochfrequenzstrahlung im Gebäude.

Was ist Elektrosmog?

Die Nieder- und Hochfrequenzstrahlung, die von unseren technischen Geräten ausgeht, erzeugt permanente elektrische und magnetische beziehungsweise elektromagnetische Felder in unseren eigenen vier Wänden. Ein umgangssprachlicher Begriff dafür ist Elektrosmog, wobei dieser Ausdruck schon eine eindeutig negative Färbung hat. Smog ist für den Menschen nie etwas Gutes. Wer von Elektrosmog spricht, verweist damit auch auf mögliche gesundheitliche Gefahren, die von der Strahlung ausgehen könnten.

Wie schädlich der heutige Elektrosmog ist, lässt sich bisher im Grunde noch gar nicht sagen. Die massenhafte Verbreitung von Hochfrequenz-Funkstrahlen in unserem Lebensumfeld ist schließlich noch ein relativ neues Phänomen. Langzeitwirkungen auf den menschlichen Organismus konnten logischerweise noch gar nicht erforscht werden. Nachgewiesen ist aber, dass Elektrosmog empfindliche Menschen heute schon krank macht. Die Symptome reichen von Kopfschmerzen über Abgeschlagenheit und Depressionen bis hin zu Herzrhythmusstörungen und sogar Krebserkrankungen. Menschen, die unter der Krankheit EHS (elektromagnetische Hypersensitivität) leiden, reagieren sogar bereits auf sehr geringe Strahlungsmengen.

Unsichtbare Eindringlinge

Die Trockenbauplatte „Climafit Protekto“ verhindert den Durchgang von Elektrosmog fast komplett. Grafik: Saint-Gobain Rigips

Die Trockenbauplatte „Climafit Protekto“ verhindert den Durchgang von Elektrosmog fast komplett. Grafik: Saint-Gobain Rigips

Ein Kennzeichen hochfrequenter Strahlung ist, dass sie auch Wände und Decken durchdringt. Manche Wandbaustoffe haben zwar eine etwas größere Abschirmwirkung als andere, aber keines der herkömmlichen Materialien (Ziegel, Kalksandstein, Beton, Leichtbeton, Porenbeton) stellt eine wirkliche Barriere für die elektrischen Felder dar. Wir sehen das ja schon daran, dass das WLAN-Netz unseres Nachbarn auch in unserer Wohnung empfangen wird. Auch wer in seinem Heim ganz auf kabellose Technik verzichtet, ist also nicht sicher vor den elektromagnetischen Feldern.

Sind wir dem Elektrosmog also völlig hilflos ausgeliefert? Nicht ganz. Es gibt nämlich Spezialbaustoffe, mit deren Hilfe man sich doch weitgehend gegen die Strahlung schützen kann, die von außen durch die Gebäude- oder Wohnungstrennwände eindringt. Mithilfe solcher Baustoffe kann man natürlich auch bestimmte Bereiche der eigenen Wohnung oder des eigenen Hauses – zum Beispiel das Schlafzimmer – vor Elektrosmog aus den Nachbarräumen abschirmen.

Abschirmende Oberflächenmaterialien

Die Industrie bietet ein breites Spektrum an Produkten, die den Durchgang von elektromagnetischen Strahlen durch raumbegrenzende Baustoffe verhindern oder zumindest stark eindämmen. Da sind zum Beispiel Abschirmungsgitter, -gewebe oder -vliese, die an der Oberfläche von Wänden und Decken oder unterhalb von Bodenbelägen zum Einsatz kommen – zum Beispiel eingearbeitet in den Innen- oder Außenputz.

Derartige Abschirmmaterialien sind stets elektrisch leitfähig, entweder weil sie aus Metall bestehen (Gitter) oder weil sie zumindest metallisch beschichtet sind (Gewebe, Vliese). Sie müssen unbedingt fachgerecht geerdet werden. Erst so ist sichergestellt, dass die elektrische Strahlung unschädlich gemacht wird, weil eine Ableitung in das Erdreich erfolgt. Außer Gitter, Gewebe und Vliese gibt es auch spezielle Putze, Tapeten und Farbbeschichtungen mit Abschirm-Wirkung für Elektrosmog. Diese Produkte wurden durch geeignete Zusätze ebenfalls elektrisch leitfähig gemacht und müssen natürlich auch korrekt geerdet sein.

Trockenbaulösung mit Graphit

Einbau einer zweilagigen Abschirmung aus Gipsplatten mit Graphitgranulat-Zusatz. Foto: Saint-Gobain Rigips

Einbau einer zweilagigen Abschirmung aus Gipsplatten mit Graphitgranulat-Zusatz. Foto: Saint-Gobain Rigips

Eine Lösung im Trockenbaubereich bietet Rigips. Die Gipsplatte „Climafit Protekto“ reduziert nach Herstellerangaben sowohl hochfrequente als auch niederfrequente Strahlung um bis zu 99,99 %. Möglich wird das durch einen Kern aus Graphitgranulat, das aus Naturgraphit hergestellt wird. Dieses Mineral ist elektrisch leitfähig und sorgt im Verbund mit dem im Gips gebundenen Kristallwasser für die hohe Abschirmungsleistung der Platte.

Setzt man Climafit Protekto zum Beispiel zur Beplankung von Innenraumwänden ein, absorbiert die Platte nach Angaben von Rigips bis zu 62 % der auf sie einwirkenden elektromagnetischen Strahlen. Etwa 38 % der Strahlung wird reflektiert. Zusammengenommen ergibt sich also die Abschirmungsleistung von fast 100 %.

Abschirmende Wandbildner

Übrigens muss die Abschirmung nicht zwingend über Materialien erfolgen, die an den Wandoberflächen montiert werden. Auch das Mauerwerk selbst kann eine Abschirmwirkung haben. Wie oben erwähnt gilt das zwar nicht für herkömmliches Mauerwerk, aber es gibt Spezialprodukte.

Ein Beispiel dafür ist der Kalksandstein „KS Protect“, den das bayerische Kalksandsteinwerk Wemding produziert. Nach Herstellerangaben schirmt dieses Produkt Elektrosmog ebenfalls um nahezu 100 % ab – ganz ohne elektrisch leitende Zusatzmaterialien an der Oberfläche. Der Hersteller erzeugt diese Wirkung, indem er dem Kalksandstein während der Produktion das natürliche Mineral Magnetit (Fe3O4) zusetzt.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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