RM Rudolf Müller
In Berlin-Adlershof wurden im März 2019 drei Holzhybrid-Wohnhäuser fertiggestellt.  Foto: Brüninghoff

In Berlin-Adlershof wurden im März 2019 drei Holzhybrid-Wohnhäuser fertiggestellt.  Foto: Brüninghoff

Grundstoffe des Bauens
20. August 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist die Holzhybridbauweise?

Aus Holz baut der Mensch eigentlich schon seit Ewigkeiten Häuser – zum Beispiel Fachwerkgebäude oder die gute alte Blockhütte. Noch relativ neu ist dagegen, dass der Baustoff Holz auch beim Neubau von Hochhäusern zum Einsatz kommt. Dabei vertrauen die Architekten von heute meist auf so genannte Holzhybridbauweisen.

Als die Berliner Architekten Tom Kaden und Tom Klingbeil 2008 ihr viel beachtetes Wohnhaus „E3“ bauten, war eine Sondergenehmigung notwendig, weil das Gebäude mit seinen sieben Stockwerken in Holzrahmenbauweise der Berliner Bauordnung widersprach. Diese erlaubte nämlich nur Holzbauten mit höchstens fünf Stockwerken und einer Höhe von maximal 13 Metern bis zur Fußbodenoberkante des obersten Stockwerkes. Die Sondergenehmigung gab es schließlich, weil man beim E3 alle tragenden und aussteifenden Holzbauteile mit nicht brennbaren Gipsfaserplatten bekleidet hatte.

Pragmatischer Materialmix

Die Gipsfaserplatten sind aber nicht die einzigen „Fremdkörper“ in der Gebäudehülle des Holzhauses E3, die nicht aus Holz bestehen. Für die Fassade wurde nicht brennbare Steinwolle mit weißem Putz verwendet. Von außen sieht man daher gar nichts von der Holzrahmenkonstruktion der Außenwände. Als Brandbarriere zu den beiden Nachbarhäusern haben die Architekten vorgefertigte Stahlbetonwände einbauen lassen. Auf der linken Seite verfügt das E3 zudem über ein offenes Treppenhaus aus Stahlbeton. Und das Gebäudeinnere wird von zwei Ortbetonkernen durchzogen, welche die Haustechnikleitungen brandsicher aufnehmen.

Das E3 steht für einen Trend der letzten Jahre: Der moderne Holzbau – oder zumindest der Hochhausbau aus Holz – wird nicht mehr von Holzpuristen regiert, sondern setzt mittlerweile wie selbstverständlich auf einen Mix der Materialien. Holz wird von den Architekten zwar immer noch geliebt, doch sie haben auch keine Probleme damit, in manchen Gebäudebereichen auf andere Baustoffe zu setzen, wenn diese aus bauphysikalischen oder pragmatischen Gründen eben die bessere Lösung darstellen. So entstehen moderne Hybridbauten, in denen Holz zwar eine wesentliche, aber nicht die einzige Rolle spielt. Das ist es, was man als Holzhybridbauweise bezeichnet.

Wohnneubau in Berlin-Adlershof

Der Holzhybridbau Adlershof verfügt über einen Treppenhauskern aus Stahlbeton. Foto: Brüninghoff

Der Holzhybridbau Adlershof verfügt über einen Treppenhauskern aus Stahlbeton. Foto: Brüninghoff

Selbst im sozialen Wohnungsbau ist diese Bauweise mittlerweile angekommen. Im Berliner Ortsteil Berlin-Adlershof wurden im März 2019 nach eineinhalb Jahren Bauzeit drei Gebäude in Holzhybridbauweise fertiggestellt, die insgesamt 42 Mietwohnungen beherbergen (siehe Fotos). Die Bauten in der Newtonstraße 4 wurden von der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Howoge in Zusammenarbeit mit dem Generalübernehmer Brüninghoff und dem Architekturbüro Kaden+Lager errichtet. „40 Prozent der Wohnungen sind förderfähig und werden zu Einstiegsmieten von 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten“, sagt Howoge-Geschäftsführer Ulrich Schiller.

Das Besondere: Für die drei würfelförmigen Gebäude wurde Holz als Hauptbaustoff im Tragwerk eingesetzt. Aber eben nicht nur – es handelt sich ja um einen Hybridbau. Die Decken und das Treppenhaus in Adlershof bestehen aus Stahlbeton-Fertigteilen. Im Gegensatz zum E3 handelt es sich aber um Holzgebäude, die von außen auch wirklich so aussehen. Die Außenfassaden bestehen nämlich aus einer vorgegrauten und hinterlüfteten Holzschalung.

Beim Projekt Adlershof hat man die Holzrahmen-Außenwände übrigens in Holztafelbauweise hergestellt. Das bedeutet, dass sie weitgehend im Werk vorgefertigt wurden. „Die Montage der Holztafelelemente auf der Baustelle benötigte lediglich eine Woche pro Geschoss,“ erläutert Brüninghoff-Geschäftsführer Frank Steffens. Kein Wunder: Die Holztafelelemente hatte man werkseitig bereits komplett mit Fenstern, Dämmung, Installationen und äußerer Holzschalung ausgestattet.

Hybrid aus Holz und Beton

Die Tragwerkskonstruktion in Adlershof kombiniert Holz mit Stahlbetonfertigteilen für die Decken sowie den Treppenkern. Foto: Brüninghoff

Die Tragwerkskonstruktion in Adlershof kombiniert Holz mit Stahlbetonfertigteilen für die Decken sowie den Treppenkern. Foto: Brüninghoff

Wie die unterschiedlichen Materialien bei der Holzhybridbauweise im Detail gemixt werden, ist nicht vorgegeben. Es gibt keinen festen Bauplan für Holzhybridbauten – allenfalls häufig vorkommende, typische Bauweisen. Oft bestehen die Außenwände aus Holz, während das zentrale Treppenhaus und die Innenwände zumindest teilweise aus Beton gegossen sind. Holz und Beton übernehmen dann gemeinsam die statischen Lasten. Auch bei den Decken der Hybridbauten setzt man häufig auf Beton.

In vielen Fällen wird auch ein Beton-Erdgeschoss als stabiles Fundament für die darüber angeordneten Holzetagen gebaut. Verfügt ein Holzhybridbau über ein Kellergeschoss oder sogar eine Tiefgarage, dann werden diese Bereiche in der Regel ebenfalls mithilfe des Baustoffs Stahlbeton errichtet.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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