RM Rudolf Müller
Der Klassiker: Reetdach bei einem Hotel auf Sylt. Foto: Pixabay

Der Klassiker: Reetdach bei einem Hotel auf Sylt. Foto: Pixabay

Dach
20. September 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Reet als Baustoff: Dachmaterial und Schallschlucker

Den Naturstoff Reet verbindet man im Baubereich vor allem mit den traditionellen Reetdächern, die besonders im Nord- und Ostseeraum auch heute noch viele Häuser schmücken. Doch wegen ihrer guten Dämmeigenschaften eignen sich Reet-Baustoffe auch für Anwendungen im Innenausbau.

Reet ist geschnittenes und gebündeltes Schilfrohr, das an den Ufern flacher Gewässer wächst. In getrocknetem Zustand werden die robusten Pflanzenhalme schon seit Jahrtausenden zur Dacheindeckung verwendet. Archäologen konnten nachweisen, dass es Reetdächer – auch Schilfdächer genannt – am Bodensee bereits vor rund 6.000 Jahren gab. Später wurde vor allem der norddeutsche Raum zur bevorzugten Heimat der urwüchsigen und naturnahen Weichbedachung.

Zwar überwiegen auch in den deutschen Küstenregionen mittlerweile Hartdächer aus Ziegel oder Betonstein, aber zumindest im ländlichen Raum kann man dort auch oft noch Reetdächer bewundern. Und in manchen Orten wird die alte Tradition sogar äußerst beharrlich gepflegt. In Kampen auf Sylt ist es für Bauherren sogar Pflicht, ihr Haus mit Reet einzudecken!

Reet auf dem Dach

Getrocknetes Reet bietet aufgrund seiner geringen Rohdichte eine gute Wärme- und Schalldämmung. Auf dem Dach schützt es im Sommer vor Hitze und im Winter vor Kälte. Die äußere Schicht der einzelnen Schilfrohr-Halme hat durch eingelagertes Lignin eine holzartige Struktur. Deshalb ist das Material trotz seiner Leichtigkeit ziemlich fest und tragfähig. Aufgrund eines hohen Gehalts an Silizium schreckt Reet außerdem Insekten und andere Tiere ab. Zugleich sind Dächer aus Schilfrohr aber auch luftdurchlässig, sodass Feuchtigkeit aus dem Rauminneren oder aus der Dachkonstruktion leicht nach draußen entweichen kann.

Schilfrohr wächst in Uferbereichen. Die einzelnen Halme sind daher von Natur aus relativ wasserabweisend und fäulnisresistent. Das heißt allerdings nicht, dass es bei einer Dacheindeckung aus Reet keine Feuchtigkeitsschäden geben kann. Die Lebensdauer eines Reetdaches beträgt normalerweise zwischen 25 und 40 Jahre. Das gilt aber nur, wenn das Dach nach Regengüssen schnell wieder trocknen kann. Ansonsten droht Fäulnis, wodurch die Lebensdauer des Eindeckungsmaterials auch deutlich geringer ausfallen kann. Reetdächer sollten daher eine Neigung von mindestens 45° aufweisen. Flachere Dächer sind nicht empfehlenswert, da sie zu lange Trocknungszeiten beanspruchen.

Reet enthält einen hohen Anteil brandhemmender Silikate. Gleichwohl wird das Naturmaterial der Baustoffklasse B2 zugeordnet – es ist also „normal entflammbar“. Das ist einer der Gründe dafür, dass Schilfdächer im Laufe der Zeit auch in Norddeutschland zumindest in dicht bebauten Stadtgebieten weitgehend durch feuersichere Hartdächer aus Ton oder Betonstein ersetzt wurden.

Akustikdecken aus Reet

Schallschlucker: Reet-Deckenelement in einem Bekleidungsgeschäft. Foto: Hiss Reet

Schallschlucker: Reet-Deckenelement in einem Bekleidungsgeschäft. Foto: Hiss Reet

Bundesweit betrachtet ist Reet als Dachmaterial heute eher ein Nischenprodukt für Liebhaber. Aber hat das Material vielleicht in anderen Anwendungsbereichen mehr Zukunftspotenzial? Das Bad Oldesloer Traditionsunternehmen Hiss Reet, Deutschlands größter Schilfhändler, bietet immerhin auch Dämmplatten, Putzträgergewebe und Trennwandsysteme aus Schilfrohr an. Und neuerdings sogar Akustikdecken.

Die Akustik-Reet-Elemente (Foto) bestehen aus einer Trägerplatte, auf der mit Spezialschaum Schilfrohre fixiert sind. Ihre Wirksamkeit als Schallschlucker wurde durch Messungen an der Universität Lübeck belegt. Demnach haben die standardmäßig 50 cm x 50 cm x 18 cm
  (Breite  x Länge x Höhe) großen Reet-Module eine hochabsorbierende Wirkung auf Lärm im Raum („Schallabsorberklasse C“). Sie werden entweder direkt an der Bestandsdecke befestigt oder mithilfe von herkömmlichen Trockenbauprofilen als abgehängte Deckenelemente montiert. Auch eine Wandmontage ist möglich.

Nach Angaben von Hiss Reet sind die Akustikelemente aus Schilfrohr mit ihrer robusten Oberfläche genauso haltbar wie Holzvertäfelungen in Innenräumen. Sie absorbieren Schall und sorgen für einen geringen Nachhall. Sie eignen sich für Privatwohnungen, aber natürlich vor allem auch für stark frequentierte öffentliche Bereiche wie Kundenzentren, Restaurants, Verkaufs- und Veranstaltungsräume.

Trennwände aus Reet

Trockener Innenausbau: Trennwand-Element aus Schilfrohr-Dämmplatte und Holzständer. Foto: Hiss Reet

Trockener Innenausbau: Trennwand-Element aus Schilfrohr-Dämmplatte und Holzständer. Foto: Hiss Reet

Reet absorbiert nicht nur Schall, sondern eignet sich auch zur Wärmedämmung. Die Schilfrohr-Dämmplatten von Hiss Reet haben eine Wärmeleitfähigkeit von 0,056 W/mK und sind sowohl zur Wanddämmung (innen und außen) als auch zur Dachdämmung einsetzbar. Sie bestehen aus eng aneinander gelegten Schilfrohren, die einfach lose mit Drähten zu einer Platte verbunden werden – ohne Zusatz von Klebstoffen oder sonstigen chemischen Zusätzen.

Hiss Reet bietet zudem auch ein Schilf-Trennwandsystem für den trockenen Innenausbau. Dafür hat man die bewährten Reet-Dämmplatten einfach in eine Konstruktion aus Fichtenholzständern integriert (Foto). Die „Hiss Reet Wand“ wird überwiegend als nicht tragende Wand im Innenausbau oder im Dachausbau eingesetzt. Aber auch als Wandverschalung sind die Elemente geeignet. Zudem kann man sie auf Balkon, Terrasse oder im Garten als Wind- und Sichtschutz verwenden, und auch im Messebau sind die Trennwände eine interessante Alternative. Ergänzt wird das Trennwandsystem durch passende Innentürelemente, Türstürze, Wandanschlüsse, Eckpfosten und Unterputzgewebe.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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