RM Rudolf Müller
In Innenräumen wird Luftkalkputz wegen seiner positiven Wirkung auf das Raumklima geschätzt. Foto: Schwenk Putztechnik

In Innenräumen wird Luftkalkputz wegen seiner positiven Wirkung auf das Raumklima geschätzt. Foto: Schwenk Putztechnik

Grundstoffe des Bauens
30. Oktober 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist Luftkalkputz?

Schon seit vielen Jahrtausenden nutzt die Menschheit den auf der Erde vorkommenden Kalkstein zur Herstellung von Bindemitteln, die in Baustoffen Verwendung finden – zum Beispiel in Kalkputzen. Als besonders natürlich gilt so genannter Luftkalkputz. Unser Beitrag erklärt, was das ist.

Wird natürlicher Kalkstein (Calciumcarbonat) gebrannt und fügt man anschließend Wasser hinzu, entsteht Löschkalk. Dabei handelt es sich um Calciumhydroxid. Wobei „gelöschter“ Kalk in der Praxis niemals zu 100 % aus Calciumhydroxid besteht, einfach deshalb, weil sich der in der Natur vorkommende Kalkstein ebenfalls nicht aus reinem Calciumcarbonat zusammensetzt, sondern mehr oder weniger starke Verunreinigungen enthält. Daraus folgt zugleich, dass im Prinzip jeder Löschkalk chemisch betrachtet eine etwas andere Zusammensetzung hat – in Abhängigkeit vom Ausgangsgestein.

Zwei Arten von Baukalk

Aus Löschkalk werden Bindemittel für die Baustoffbranche hergestellt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Baukalken. Dieser zusätzliche Begriff ist notwendig, weil die Bindemittel häufig nicht nur aus Löschkalk bestehen, sondern noch weitere Zusätze enthalten – zum Beispiel Zement. Es gibt also unterschiedliche Arten von Baukalk. An dieser Stelle kommt nun der Begriff Luftkalk ins Spiel. Die DIN EN 459-1 („Baukalk“) unterscheidet nämlich grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Baukalken: hydraulischen Kalk und Luftkalk.

Hydraulischer Kalk

Was hydraulische Bindemittel sind, haben wir hier bereits erklärt. Ihre wesentliche Eigenschaft besteht darin, dass sie keinerlei Luftkontakt benötigen, um fest zu werden. Sie erhärten sogar unter Wasser und bleiben anschließend dauerhaft wasserunlöslich. Für natürlichen Löschkalk gilt genau das nicht, der ist nämlich wasserlöslich. Einen hydraulischen Baukalk kann man daher nur erhalten, wenn man dem Löschkalk ausreichende Mengen an hydraulischen Bindemitteln beimischt. Dabei kann es sich beispielsweise um Zement handeln oder auch um andere hydraulische Bindemittel wie zum Beispiel natürliche Puzzolane.

Luftkalk nach DIN EN 459-1

Zur Herstellung von Luftkalk wird natürlicher Kalkstein gebrannt und anschließend gelöscht. Foto: Schwenk Putztechnik

Zur Herstellung von Luftkalk wird natürlicher Kalkstein gebrannt und anschließend gelöscht. Foto: Schwenk Putztechnik

Luftkalke sind nichthydraulische Bindemittel. Sie erhärten nur unter Luftzufuhr – durch Aufnahme von Kohlendioxid aus der Luft – und sind wasserlöslich. Sie gelten als besonders natürlich, da sie zum größten Teil nur aus gebranntem und gelöschtem natürlichen Kalkstein bestehen.

Die DIN EN 459-1 definiert insgesamt fünf Arten von Luftkalk: So genannter Weißkalk 90 besteht zu 90 % aus Calciumhydroxid (Löschkalk), bei Weißkalk 80 sind es 80 % und bei Weißkalk 70 entsprechend 70 %. Weißkalk ist also eine Form des Luftkalks. Außerdem führt die DIN-Norm noch zwei weitere Luftkalktypen auf: Dolomitkalk 85 (Gehalt an 85 % Calciummagnesiumcarbonat) und Dolomitkalk 80 (Gehalt an 80 % Calciummagnesiumcarbonat). Dolomitkalk besteht streng genommen gar nicht aus Kalkstein, sondern aus dem – allerdings artverwandten – Dolomitgestein. Dieses Karbonatgestein enthält zusätzlich noch einen hohen Anteil an Magnesium.

Eigenschaften von Luftkalkputz

Mischt man das Bindemittel Luftkalk mit Sand und Wasser, erhält man Mörtel beziehungsweise Putz. Als Putz bezeichnet man diejenigen Mörtelprodukte, mit denen Wände oder Decken ein- oder mehrlagig beschichtet werden.

Luftkalkputz ist auch nach längerer Trocknungszeit viel weicher und weniger druckfest als Putz mit hydraulischem Kalk als Bindemittel. Dafür ist er aber geschmeidiger und elastischer, lässt sich leicht verarbeiten und neigt weniger zur Rissbildung als zum Beispiel zementhaltige Kalkputze. Er wird daher gerne für plastisch ausgeformte Putz-/Mörtel-Flächen verwendet (Stuckarbeiten).

Aber auch für die normale Wand- oder Deckenbeschichtung eignet sich Luftkalkputz hervorragend – zumindest in Innenräumen. Dort wird das Material auch wegen seiner positiven Wirkung auf das Raumklima geschätzt. Luftkalkputz verhält sich diesbezüglich ähnlich wie Lehmputz. Er ist sehr wasserdampfdurchlässig und kann überschüssige Luftfeuchtigkeit vorübergehend schadlos aufnehmen und bei Bedarf wieder an die Raumluft abgeben.

Wegen seiner geringe Härte, vor allem aber wegen der mangelnden Wetterfestigkeit ist Luftkalkputz allerdings nicht unbedingt für den Außenbereich geeignet. Das gilt zumindest für stark bewitterte Fassaden. Schließlich ist das Bindemittel wasserlöslich und außerdem  nicht säurebeständig. Soll Luftkalkputz dennoch an Außenfassaden zum Einsatz kommen, so empfiehlt sich ein zusätzlicher Schutzanstrich.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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