RM Rudolf Müller
Vormontierte Leichtbauwände – wie hier beim „e-Wohnhaus“-Objekt in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes – werden per Kran auf das Dach transportiert. Foto: Knauf

Vormontierte Leichtbauwände – wie hier beim „e-Wohnhaus“-Objekt in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes – werden per Kran auf das Dach transportiert. Foto: Knauf

Dach
16. Juni 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Dachaufstockungen (Teil 2): Bauliche Varianten

In Teil 1 dieses Beitrags ging es um das grundsätzliche Potenzial und die Vorteile von Dachaufstockungen. Im Folgenden beschäftigen wir uns nun mit der Frage, welche unterschiedlichen Bauarten es für solche „On-Top-Etagen“ gibt.

Egal welche Form der Dachaufstockung man wählt: Es handelt sich auf jeden Fall um einen Eingriff in den Gebäudebestand, für den man eine Baugenehmigung beantragen muss. In einem Baugenehmigungsverfahren prüft die örtliche Bauaufsichtsbehörde, ob die geplante Aufstockung überhaupt mit dem geltenden Baurecht vereinbar ist. Näheres dazu regeln die jeweiligen Landesbauordnungen.

Baugenehmigungsverfahren

Aufstockung in Holzständerbauweise bei einem 1960 errichteten Wohnbau in Wiesbaden. Foto: Knauf

Aufstockung in Holzständerbauweise bei einem 1960 errichteten Wohnbau in Wiesbaden. Foto: Knauf

Auf der einen Seite geht es beim Baugenehmigungsverfahren um die Frage, ob das Bauvorhaben technisch überhaupt realisierbar ist. Dafür muss der Bauherr einen Sachverständigen engagieren, der unter anderem berechnet, ob das Bestandsgebäude über die statischen Voraussetzungen verfügt, um das Gewicht einer zusätzlichen On-Top-Etage tragen zu können. Auf der anderen Seite geht es aber auch um optische Fragen. In Deutschland darf eben nicht einfach jeder einfach so bauen wie er gerne möchte. Die Kommunen legen in detaillierten Bebauungsplänen weitgehend fest, was auf den jeweiligen Flächen baulich erlaubt ist und was nicht.

Bei Dachaufstockungen ist zum Beispiel in der Regel darauf zu achten, dass sich das Haus nicht zu stark von den Nachbargebäuden abhebt. Das gilt sowohl für die Optik – der Neubau auf dem Dach muss ins städtebauliche Gesamtkonzept passen – als auch für die Höhe des Gebäudes. Faktisch werden heute Dachaufstockungen noch vielerorts dadurch verhindert, dass die Kommunen an starren Beschränkungen bei Trauf- und Firsthöhen festhalten.

Kniestockerhöhungen

Dachaufstockung muss nicht immer bedeuten, dass auf ein vorhandenes Gebäude ein komplett neues Geschoss gesetzt wird. Vor allem bei Häusern mit einem geneigten Dach, das noch gut in Schuss ist, bietet sich als Alternative auch die so genannte Kniestockerhöhung an. Als Kniestock bezeichnet man diejenigen Außenwand-Teile, auf denen die Steildachkonstruktion aufliegt. Bei einem Satteldach gibt es also auf beiden Traufseiten des Daches jeweils einen gemauerten Kniestock. Er beginnt auf der Rohdecke unter dem Dachgeschoss und endet dort, wo die Außenwand an die Dachfläche stößt.

Je höher der Kniestock, umso mehr Platz gibt es unter dem Steildach. Durch eine Kniestockerhöhung lässt sich also mehr Wohnraum schaffen. Dieser Zugewinn lässt sich noch erhöhen, wenn man gleichzeitig den Neigungswinkel der Dachflächen erhöht.

Eine Kniestockerhöhung kann grundsätzlich auf zwei unterschiedliche Arten geschehen. Wenn das alte Dach erneuert werden soll, wird der Dachstuhl zunächst vollständig abgebaut. Anschließend mauert man den Kniestock auf beiden Gebäudeseiten in der gewünschten Höhe auf, bevor ein neues Dach errichtet wird. Wenn das Altdach aber noch in gutem Zustand ist, ist es auch möglich, den gesamten Dachstuhl zeitweilig mit einem Kran anzuheben und ihn dann später – nach erfolgter Kniestockerhöhung – wieder abzusenken und mit dem Gebäude zu verbinden.

Geschossaufstockungen

Die häufigste Form der Dachaufstockung ist aber zweifellos die Geschossaufstockung. Sie ermöglicht auch den größten Zugewinn an Wohnraum, da man auf dem Bestandsgebäude ein komplett neues Vollgeschoss ohne Dachschrägen errichten kann. Sie bietet sich insbesondere bei Bestandsgebäuden an, die über ein Flachdach verfügen.

Falls es die Statik und das Baurecht zulassen, kann man natürlich auch mehr als nur eine Etage aufstocken. Und wenn aus optischen Gründen erwünscht, lässt sich die oberste Etage natürlich auch mit Steildachflächen realisieren. Ebenso ist es möglich, ein altes Flachdachgebäude mit einem Schrägdach aufzustocken. Eine sehr attraktive Variante besteht zudem darin, das Vollgeschoss nur auf einem Teil des Altbaudaches zu errichten und die restliche Fläche für eine Dachterrasse oder einen Dachgarten zu reservieren.

Wandbaustoffe

Grundsätzlich kann man eine Geschossaufstockung auch mit Außenwänden aus massiven Mauerwerksteinen realisieren. Wenn das Dach des Bestandsgebäudes dafür nicht tragfähig genug ist, gibt es sogar Möglichkeiten, die Statik nachträglich zu verbessern – etwa durch Einbau von Stahlverstärkungen. Solche Maßnahmen sind aber in der Regel teuer und empfehlen sich daher nur, wenn die Aufstockung auf jeden Fall gemauert werden soll. In den meisten Fällen setzen Bauherren bei Aufstockungs-Projekten eher auf Leichtbauweisen.

Vor allem die verschiedenen Holzbauweisen mit ihren im Werk vorgefertigten Wandelementen eignen sich grundsätzlich sehr gut für Dachaufstockungen. Da die Elemente vergleichsweise leicht sind, treten nur selten statische Probleme auf, außerdem lassen sich die Fertigteile auf der Baustelle relativ schnell zusammensetzen. Vorausgesetzt natürlich, die notwendige Logistik steht zur Verfügung: Holzrahmenbau- oder Holzmassivbauwände müssen in der Regel per Kran auf die luftige Baustelle der On-Top-Etage befördert werden.

Was für die Außenwände gilt, setzt sich beim Innenausbau fort. Auch der wird bei Dachaufstockungen meist in Leichtbauweise realisiert. Mit leichten Trockenbauplatten entstehen in kurzer Zeit nichttragende Innenwände, die auch beim Schall- und Brandschutz überzeugen können. Auch die Leichtbau-Außenwände werden in der Regel von innen mit Gipsplatten oder ähnlichen Plattenwerkstoffen beplankt.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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