RM Rudolf Müller
Sichtmauerwerk aus Kalksandstein ist ein Klassiker in deutschen Wohngebieten. Foto: Xella

Sichtmauerwerk aus Kalksandstein ist ein Klassiker in deutschen Wohngebieten. Foto: Xella

Fassade und Massivbau
28. Juli 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Kalksandstein: Die Geschichte des Mauerwerk-Klassikers

Der Kalksandstein gilt heute unumstritten als Klassiker unter den Mauerwerksteinen. Dabei ist der weiße Wandbaustoff aus Kalkmörtel noch gar nicht so alt. Zumindest hat er keine jahrtausendealte Geschichte wie der Ziegel oder auch wie Beton. Der moderne Kalksandstein wurde nämlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Kalksandstein ist in Deutschland einer der beliebtesten Wandbaustoffe und wird vor allem wegen seiner hervorragenden Schallschutzeigenschaften und der hohen Wärmespeicherfähigkeit geschätzt. Bei zusätzlichem Dämmstoffeinsatz  – als Wärmedämmverbundsystem (WDVS) oder als zweischalige Wand mit Kerndämmung (VHF) – lassen sich mit Kalksandstein auch hohe Wärmeschutzanforderungen erfüllen.

Stein aus Kalkmörtel

Den in der Natur reichlich vorkommenden Kalkstein verarbeitet der Mensch schon seit vielen Jahrtausenden zu Baustoffen und verwendet ihn zum Beispiel als Bindemittel für Mörtel. Künstlich hergestellter Kalksandstein ist dagegen noch relativ jung, ein Kind des Industriezeitalters sozusagen. Das erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, denn die Zusammensetzung von Kalksandstein ist sehr einfach. Wie sein Name schon andeutet, wird der Stein aus Kalk und Sand hergestellt, hinzu kommt Wasser. Das aber sind dieselben drei Zutaten, aus denen die Menschheit schon seit Urzeiten auch einfachen Kalkmörtel mischt!

Dennoch gelang es erst im 19. Jahrhundert, aus Kalkmörtel tragfähige Mauerwerksteine herzustellen. Erst damals wurden nämlich die für die Herstellung notwendigen Härtungsverfahren entwickelt. Wie es dazu kam, hat der Bundesverband Kalksandsteinindustrie bereits 1994 in der Buchveröffentlichung „100 Jahre Kalksandstein-Industrie“ ausführlich beschrieben. Eine umfangreiche Darstellung der Historie findet sich zudem auf der Website des Bundesverbands. Wir fassen an dieser Stelle nur die wichtigsten Meilensteine der Kalksandstein-Geschichte kurz zusammen und stützen uns dabei auf die Darstellung des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie.

Erhärtung durch Wasserdampf

Der weiße Stein ermöglicht kostengünstiges Mauerwerk mit hohem Schallschutz. Foto: Xella

Der weiße Stein ermöglicht kostengünstiges Mauerwerk mit hohem Schallschutz. Foto: Xella

Am Anfang der Kalksandstein-Geschichte steht der deutsche Arzt Anton Bernhardi, der bereits 1854 mit Kalkmörtel-Mauersteinen experimentierte und daraus sogar ein zweigeschossiges Gebäude errichtete. Er verdichtete den Mörtel mithilfe einer manuellen Hebelpresse und ließ die geformten Steinrohlinge anschließend an der Luft erhärten. Doch Bernhardis Technik war kein wirklicher Durchbruch. Seine Kalksandsteine erwiesen sich als nicht fest genug für den Hausbau.

Der Durchbruch bei den Kalksandstein-Härtetechniken gelang erst um 1880. Der Baustoffchemiker Dr. Wilhelm Michaelis begann damals als Erster, Steinrohlinge aus wasserarmem Kalkmörtel mithilfe von heißem Wasserdampf zu härten. Bei seinen Experimenten fand er heraus, dass sich die Kalkmörtelmasse in einen festen Silicatstein verwandelt, wenn die Rohlinge vier bis acht Stunden in der Wasserdampfatmosphäre verbringen. Dabei geschieht nämlich Folgendes: Durch den Dampfdruck wird von der Oberfläche der Mörtel-Sandkörner Kieselsäure gelöst. Diese reagiert anschließend mit Kalkhydrat zu steinfestem Calciumsilikathydrat.

Durchbruch zum Massenbaustoff

Die Erhärtung durch Wasserdampfdruck hat sich durchgesetzt und ist bis heute das grundlegende Prinzip bei der Herstellung von Kalksandsteinen geblieben. Bevor der neue Wandbildner sich als preisgünstiger Massenbaustoff für den Hausbau durchsetzen konnte, waren aber weitere technische Entwicklungen notwendig. Vor allem die anfängliche Praxis, den Kalkmörtel handwerklich aufwändig in manuellen Pressen zu verdichten und zu formen, war alles andere als effizient.

Der entscheidende Durchbruch gelang hier 1894, als die Firma Amandus Kahl aus England eine vollautomatische Presse zur Kalksandsteinherstellung auf den Markt brachte. Das war der eigentliche Startschuss für die industrielle Massenproduktion von Kalksandsteinen. Nicht umsonst feierte der Bundesverband Kalksandsteinindustrie das hundertjährige Jubiläum der weißen Steine im Jahr 1994.

Die Vorgänger-Organisation des heutigen Bundesverbandes – der „Verein der Kalksandsteinfabriken“ – wurden übrigens bereits im Jahr 1900 in Berlin gegründet. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich in der Folge feste Qualitätsnormen für Kalksandsteine durchgesetzt haben. Bereits 1903 verpflichtete der Verein seine Mitglieder darauf, ausschließlich Kalksandsteine mit einer Mindestdruckfestigkeit von 140 kp/qm herzustellen. 1927 trat die Norm DIN 106 („Kalksandsteine – Mauersteine“) in Kraft, in der die Mindestdruckfestigkeit auf 150 kp/qm erhöht wurde.

Wechselhafte Entwicklung nach 1945

Mit Zusatzdämmung sind auch hohe Anforderungen an den Wärmeschutz realisierbar. Foto: Xella

Mit Zusatzdämmung sind auch hohe Anforderungen an den Wärmeschutz realisierbar. Foto: Xella

Bereits 1905 gab es in Deutschland 209 Kalksandsteinfabriken, die zusammen auf eine jährliche Produktion von rund einer Milliarde Kalksandsteinen kamen. Das Wachstum setzte sich in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich fort – wenn auch zweimal jäh unterbrochen durch die beiden Weltkriege und ihre Folgen. In Westdeutschland erreichte der Aufschwung der Kalksandsteinindustrie sein bisheriges Allzeithoch im Jahr 1972 mit knapp sieben Milliarden produzierten Steinen.

Die 1973 durch die Ölkrise ausgelöste wirtschaftliche Rezession sorgte auch im Baubereich für einen deutlichen Abwärtstrend. Die Rekord-Absatzmarke bei Kalksandsteinen von 1972 wurde seitdem nie wieder erreicht – auch nicht in den 1990er-Jahren, als die deutsche Wiedervereinigung vorübergehend für einen neuen Bauboom sorgte. In den letzten Jahren hat sich das Produktionsvolumen der deutschen Kalksandsteinindustrie zwar konsolidiert und ist sogar leicht gewachsen, allerdings nach wie vor auf deutlich geringerem Niveau als zu Beginn der 70er-Jahre. 2015 produzierten die 80 deutschen Kalksandstein-Werke insgesamt eine Steinmenge von 1,85 Milliarden Volumen-Normalformaten (Vol.-NF).


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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