RM Rudolf Müller
Aufnahme vom Mai 2018: Fichtensterben im Bayerischen Wald.  Foto: Pixabay

Aufnahme vom Mai 2018: Fichtensterben im Bayerischen Wald.  Foto: Pixabay

Grundstoffe des Bauens
05. September 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Baustoff Holz: Das große Fichtensterben

Die Fichte ist laut Bundeswaldinventur die in deutschen Wäldern am häufigsten vorkommende Baumart. Zugleich ist ihr Holz bisher das bevorzugte Material für Holzwerkstoffe und Konstruktionsholz. Doch die Zukunft des Baums scheint gefährdet. Landauf, landab häufen sich aktuell die Berichte über ein massives Fichtensterben.

Nach der jüngsten Bundeswaldinventur von 2012 bestehen 25,4 % der deutschen Waldfläche aus Fichten. Auf Platz zwei folgen die Kiefern mit einem Anteil von 22,3 %. Insgesamt machen die Nadelhölzer 54,2 % des Bestands aus, der Rest sind Laubbäume. Als Rohstoff für massives Bauholz und Holzwerkstoffplatten setzt die verarbeitende Industrie bisher aber vor allem auf Nadelhölzer, insbesondere auf die Fichte.

Aktuell bereitet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die mittlerweile vierte, deutschlandweite Bundeswaldinventur vor. Bis Ende 2022 sollen alle notwendigen Daten eingesammelt sein. Aus heutiger Sicht darf aber bezweifelt werden, ob die Fichte ihre bisherige Pole-Position behalten wird. Denn vor allem seit dem deutschen Hitzesommer 2018 ist hierzulande ein rasantes Fichtensterben zu beobachten.

Fichten-Monokulturen

Die meisten Fichtenwälder in Deutschland sind keine Naturwälder. Ursprünglich kam die Baumart nur in den Mittel- und Hochgebirgen vor. Doch durch Aufforstungen sind im Laufe der Zeit – zuletzt direkt nach dem Zweiten Weltkrieg – auch andernorts zahlreiche Fichten-Monokulturen entstanden. Das geschah nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen. Denn die Fichte hat den Vorteil, dass sie vergleichsweise schnell und gerade wächst und sich besonders gut als Bauholz eignet.

Vor allem seit dem extrem heißen und regenarmen Sommer 2018 ist das Wachstum allerdings massiv ins Stocken geraten. In vielen Regionen Deutschlands klagt die Forstwirtschaft stattdessen über ein flächendeckendes Fichtensterben. Auf der Website des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist von rund 32,4 Millionen Kubikmeter Schadholz im Dürre-Jahr 2018 die Rede. Für 2019 wird sogar eine noch größere Menge Schadholz erwartet. Die Zahlen beruhen auf Angaben der 16 deutschen Bundesländer.

Dürre senkt die Abwehrkräfte

Die Ursachen für das Baumsterben sind einerseits Waldbrände, Sturmschäden und Schädlingsbefall. Eine große Rolle spielen aber auch der Klimawandel und seine Folgen für das Ökosystem Wald. Doch wie wirkt der Klimawandel auf die einheimische Fichte?

Zunächst einmal benötigt der Baum viel Wasser zum Wachsen. Bisher gab es davon in unseren Breitengraden mehr als genug, doch die zunehmenden Dürreperioden der letzten Jahre haben die Situation grundlegend verändert. Bei lang anhaltender Hitze und Trockenheit wachsen die Pflanzen langsamer und werden insgesamt schwächer. Außerdem steigt das Risiko von Waldbränden.

Hinzu kommt, dass die Fichten anfälliger für Schädlingsbefall werden, da sie über geringere Abwehrkräfte verfügen. Mehr noch: Bei lang anhaltender Dürre vermehrt sich der schlimmste Feind der Fichten – der Borkenkäfer – massenhaft. Ausgelöst durch den Klimawandel entsteht so ein Teufelskreislauf für die Nadelbäume.

Massenbefall durch Borkenkäfer

Borkenkäfer-Fraßspuren in einem Baumstamm. Foto: Pixabay

Borkenkäfer-Fraßspuren in einem Baumstamm. Foto: Pixabay

Früher starben die meisten Borkenkäfer während der kalten Jahreszeit. Angesichts milder Winter überleben heute immer mehr Tiere und können im Jahresverlauf häufiger ihre Eier legen. Die Folge ist eine stark zunehmende Borkenkäfer-Population in den Fichtenwäldern.

Wenn immer mehr Käfer auf einen durch die Dürre geschwächten Fichtenbestand treffen, kommt es zu einem ungleichen Kampf. Die Bäume können sich nicht mehr ausreichend gegen den Schädlingsbefall wehren, auch weil sie angesichts des Feuchtigkeitsmangels weniger Baumharz produzieren. Das Harz ist die natürliche Abwehrwaffe der Fichten. Borkenkäfer, die in die Baumrinde eindringen, werden normalerweise „eingeharzt“ und dadurch unschädlich gemacht. Ohne ausreichend Harz ist der Baum dem Angriff der Borkenkäfer schutzlos ausgeliefert. Die Tiere fressen sich durch die Rinde und legen dort ihre Eier. Die schlüpfenden Larven setzen das Zerstörungswerk fort und zerfressen immer größere Teile des für den Baum lebenswichtigen Bast- und Kambium-Gewebes.

Befallene Fichten sollten so schnell wie möglich gefällt werden, damit sich die Käfer nicht kurz darauf in den Nachbarbäumen einnisten. Je früher man die Stämme entfernt, umso eher lässt sich zudem ihr Holz – zumindest noch teilweise – verwerten. Angesichts der derzeitigen Massenvermehrung der Schädlinge lässt sich das Fichtensterben aber vermutlich nicht nachhaltig stoppen – auch nicht durch das Fällen bereits kranker Bäume.

Mischwald als Zukunft?

Es sieht derzeit so aus, als ob große Teile des deutschen Fichtenbestands bereits verloren sind und an den betroffenen Standorten so bald keine dichten Fichtenwälder mehr entstehen werden. Die verheerende Situation könnte für die Zukunft aber auch eine Chance sein. Nach Angaben des Deutschen Forstwirtschaftsrates (DFWR) – eine Lobby-Organisation der Forstwirtschaft – versuchen die Forstleute immerhin schon seit 30 Jahren, die Fehler der Vergangenheit rückgängig zu machen und durch Neuanpflanzungen Fichten-Monokulturen Schritt für Schritt wieder in einen gesünderen Mischwald umzuwandeln. So bitter es klingt, aber durch das derzeitige Massensterben entsteht immerhin viel Platz für andere Bäume.

In Zukunft werden in Deutschland statt der Fichte vermutlich vermehrt andere Nadelbäume wie die Weißtanne, die Douglasie oder auch die Küstentanne angepflanzt, die widerstandsfähiger gegen Hitze und Trockenheit sind. Gesunder Mischwald bedeutet aber auch, dass Wälder künftig wieder verstärkt aus Nadel- und Laubbäumen bestehen. Dazu abschließend ein Zitat von der Website des DFWR (www.dfwr.de): „Je größer die Zahl der Baumarten, die am Waldaufbau beteiligt sind, desto geringer ist das Risiko, das durch den (zum Beispiel krankheitsbedingten) Verlust einer einzigen Baumart entsteht. (…) Vielfalt streut das Risiko.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

Was ist die Holzhybridbauweise?

Aus Holz baut der Mensch eigentlich schon seit Ewigkeiten Häuser – zum Beispiel Fachwerkgebäude oder die gute alte Blockhütte. Noch...

mehr »
 

Waldschutz durch Tropenholznutzung?

Mit der Initiative „Use it or lose it“ will der Gesamtverband Deutscher Holzhandel die nachhaltige Nutzung von tropischen Hölzern fördern....

mehr »
 

TMT: Thermoholz aus den USA

Was man in Deutschland Thermoholz nennt, wird im englischsprachigen Raum meist mit TMT abgekürzt („Thermally Modified Timber“). Die Herstellungsmethode dieses...

mehr »
Nach oben
nach oben