RM Rudolf Müller
Über 90 % des europäischen Bitumens fließen in den Bau von Asphaltstraßen. Foto: Pixabay

Über 90 % des europäischen Bitumens fließen in den Bau von Asphaltstraßen. Foto: Pixabay

Grundstoffe des Bauens
21. März 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Bitumen in der Bauindustrie

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 2,167 Millionen Tonnen Bitumen verbraucht. Das meiste davon floss in den Straßenbau, doch auch in anderen Bereichen der Bauindustrie wird die aus Erdöl gewonnene, schwarz-klebrige Flüssigkeit wegen ihrer Eigenschaften geschätzt – zum Beispiel für die Produktion von Dachbahnen oder beim Bautenschutz. Bitumen macht Baustoffe wasserdicht und langlebig, außerdem lässt es sich leicht verarbeiten und ist gut recycelbar.

Die oben genannte Verbrauchsstatistik stammt von Eurobitume, der Interessensvertretung von Bitumenherstellern und -händlern, deren Mitglieder über 80 % des europäischen Bitumenabsatzes repräsentieren. In ganz Europa wurden 2016 insgesamt 11,274 Millionen Tonnen Bitumen verbraucht. 2017 waren es dagegen nur noch 11,079 Millionen Tonnen.

Der Rückgang des Bitumenverbrauchs hält schon seit vielen Jahren an, Hauptgrund dafür sind abnehmende Straßenbauaktivitäten in vielen europäischen Ländern. Der Absatz hängt eben stark vom Verkehrssektor ab. Nach Zahlen von Eurobitume flossen 2017 etwa 93 % des europäischen Bitumens in den Bau oder die Instandhaltung von Asphaltstraßen. Hinzu kommt, dass der Werkstoff sehr langlebig ist und sich sehr gut recyceln lässt. Auch das senkt die Nachfrage nach neu hergestelltem Bitumen.

Haupteinsatzbereiche

In Deutschland ist die Abhängigkeit nicht ganz so einseitig: Hierzulande flossen 2016 nur 74,8 % des verbrauchten Bitumens in den Straßenbau. Insgesamt waren es 1,62 Millionen Tonnen. Der Rest der verbrauchten Gesamtmenge (2,167 Millionen Tonnen) wurde zu 16,1 % für die Herstellung von Dach- und Dichtungsbahnen verbraucht (0,349 Millionen Tonnen) sowie zu 9,1 % in sonstigen Industriebereichen (0,198 Millionen Tonnen).

Zu den sonstigen Produktbereichen, in denen Bitumen eine Rolle spielt, zählen zum Beispiel Flüssigabdichtungen für erdberührte Gebäudebauteile, Farben und Lacke sowie Isolationsmaterialien für Stromkabel, aber auch Trittschall reduzierende Matten für Fußböden oder Autos. Bitumen hat nämlich nur eine geringe elektrische Leitfähigkeit und wirkt schalldämmend.

Perfekt für Straßen

Flüssiges Bitumen bei einer Technik-Prüfung. Foto: Eurobitume

Flüssiges Bitumen bei einer Technik-Prüfung. Foto: Eurobitume

Im Straßenbau macht man sich die Klebekraft der schwarzen Flüssigkeit zunutze. Als Bindemittel für die Gesteinskörnungen im Asphalt ist Bitumen unverzichtbarer Bestandteil unseres Straßennetzes. Dabei verbindet das Erdöl-Produkt nicht nur die mineralischen Bestandteile der Straße zu einer durchgehenden Fahrbahndecke, es sorgt auch dafür, dass die Straßenoberfläche wasserundurchlässig bleibt.

Wobei die Wasserundurchlässigkeit auch von der jeweiligen Asphaltmischung abhängt. Auf weniger stark belasteten Straßen – zum Beispiel Anliegerstraßen – beziehungsweise auf Rad- und Gehwegen oder Parkplätzen ist ein wasserdurchlässiger Asphalt oft sogar explizit gewünscht. Er lässt sich herstellen, indem man den Bitumenanteil relativ gering hält und einen hohen Anteil grober Gesteinskörnungen dazu mischt. Infos zu weiteren Asphaltsorten (Asphaltbeton, Splittmastixasphalt, Gussasphalt, Asphaltmastix) bietet unser Fachbeitrag „Marktführer: Deutschlands Straßen bestehen größtenteils aus Asphalt“.

Thermoplastische Eigenschaften

Erhitzt man Bitumen, wird es schnell flüssig. Das hat den Vorteil, dass sich der Asphalt auf der Straßenbaustelle leicht schütten, verteilen und glätten lässt. Anschließend wird das Material auch schnell wieder fest. So vorteilhaft die thermoplastischen Eigenschaften für die Verarbeitung sind, so problematisch können sie später an Hitzetagen werden. Selbst hochbelastbare Asphaltdecken beginnen bei Temperauren um 70 °C zu schmelzen.

Der Hitzeproblematik lässt sich übrigens wirksam entgegenwirken, wenn man statt normalem Bitumen so genanntes Polymerbitumen verwendet. Dieses Material ist durch Kunststoff-Zugaben weniger temperaturempfindlich. Laut Eurobitume betrug der Anteil polymermodifizierter Bitumen im Straßenbau 2016 bereits mehr als 29,7 %.

Die Temperaturempfindlichkeit von Bitumen hat allerdings auch ihre positive Seite. Werden vorhandene Asphaltstraßen aufgerissen oder umgebaut, braucht man das Material nur erhitzen und kann es dann problemlos erneut verarbeiten. Nach Angaben von Eurobitume wurden 2013 in Europa fast 50 Mio. Tonnen Asphalt recycelt. In Deutschland liegt die Recycling-Quote bei weit über 80 %.

Dachabdichtung und Bautenschutz

Für Kellerwand-Abdichtungen kommen Bitumendickbeschichtungen zum Einsatz. Foto: PCI

Für Kellerwand-Abdichtungen kommen Bitumendickbeschichtungen zum Einsatz. Foto: PCI

Auch bei der Abdichtung von Flachdächern spielt das wasserdichte Bindemittel Bitumen traditionell eine große Rolle. Bei den klassischen Bitumendachbahnen bestehen die Deckschichten aus mit Gesteinskörnungen bestreutem Bitumen. Dazwischen befindet sich ein Trägergewebe aus Polyester, Glas oder Jute. Bitumenbahnen sind formstabil und langlebig sowie widerstandsfähig gegen Säuren, Laugen und Salze. Für die obere Lage der Flachdachabdichtung kommen mittlerweile standardmäßig Polymerbitumen-Bahnen zum Einsatz. Auch Bitumendachbahnen lassen sich übrigens gut recyceln.

Bitumen spielt zudem eine wichtige Rolle beim Bautenschutz, vor allem bei der Abdichtung von Kellerwänden – Stichwort: „Schwarze Wanne“. Dabei wird das Mauerwerk von außen durch eine vollflächige Dichtungshaut vor Durchfeuchtung aus dem Erdreich geschützt. Man unterscheidet Bitumenanstriche und feste Bitumenbahnen, die auf die Kellerwände aufgeschweißt werden.

Im Wohnungsbau verwendet man vor allem kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen (KMB). Diese haben seit ein paar Jahren Konkurrenz durch bitumenfreie FPD-Abdichtungen bekommen. Die Abkürzung steht für flexible polymere Dickbeschichtung. FPD-Produkte lassen sich leichter auftragen als Bitumendickbeschichtungen und sie härten vor allem deutlich schneller aus.

Bitumen-Herstellung

Bitumen wird aus Rohöl destilliert. Doch nicht alle Rohölarten eignen sich dafür, und längst nicht jede Raffinerie produziert auch Bitumen. Nach Angaben von Eurobitume lässt sich nur aus 10 % der weltweit verfügbaren 1.300 Rohölarten Bitumen destillieren. Von den 115 Öl-Raffinerien in der Europäischen Union produzieren nur rund 74 Bitumen.

Um definierte Produkteigenschaften zu erzielen, wird Bitumen häufig aus einer Mischung verschiedener Rohöle hergestellt. Bei der Destillation erhitzt man das Öl auf bis zu 350 °C, sodass Bestandteile mit niedrigem Siedepunkt verdampfen. In der anschließenden Vakuum-Destillation spalten sich weitere leichtere Rohöl-Fraktionen ab. Am Ende des Prozesses verbleibt das Produkt Bitumen.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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