RM Rudolf Müller
Das Shards-Team (v.l.n.r.): Moritz von Galen, Leya Bilgic, Lea Schücking und Min Hui Yap. Foto: Shards

Das Shards-Team (v.l.n.r.): Moritz von Galen, Leya Bilgic, Lea Schücking und Min Hui Yap. Foto: Shards

Forschung, Technik und Trends
23. Februar 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

Fliesen aus Bauschutt

Neue Keramikfliesen aus gebrauchten Ziegelsteinen und recyceltem Glas? Die Idee stammt von zwei Kasseler Studentinnen. Mit ihrem Startup „Shards“ fertigen sie „Fliesen aus Bauschutt“. Das Konzept erhielt bereits zwei Nachhaltigkeitspreise. Jetzt soll die Idee zum Geschäft weiterentwickelt werden. Der Markteintritt ist aktuell für das Frühjahr 2022 geplant.

Lea Schücking und Leya Bilgic haben an der Kunsthochschule Kassel Produktdesign studiert. Im Rahmen ihres Studiums entwickelten sie auch die Idee zu „Shards“. Der englische Ausdruck bedeutet auf Deutsch „Scherben“. In der Keramikwerkstatt der Kunsthochschule entwickelten die beiden Studentinnen in aufwändiger Handarbeit Fliesen aus Bauschutt.

Diese bestehen zu 100 % aus Ziegel-Bauschutt sowie recyceltem Glas und enthalten folglich keinerlei Bindemittel oder sonstige Zusatzstoffe – nicht mal Farbstoffe. Gehen die Fliesen irgendwann kaputt, lässt sich das Material zudem wieder vollständig zu neuen Fliesen verarbeiten. Das ermöglicht eine echte Kreislaufwirtschaft nach dem Prinzip des Cradle-to-Cradle („Von der Wiege zur Wiege“).

Ausgezeichnetes Hochschulprojekt

Das Angebot umfasst Grün-, Türkis-, Grau- und Brauntöne – mit glänzender oder matter Oberfläche. Foto: Shards

Das Angebot umfasst Grün-, Türkis-, Grau- und Brauntöne – mit glänzender oder matter Oberfläche. Foto: Shards

Die Idee kam auch außerhalb der Hochschule gut an. 2018 gab es mit dem Bundespreis Ecodesign eine erste Auszeichnung. Und auch beim kürzlich erstmals vergebenen Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design gehörten die Recycling-Fliesen zu den Siegern.

Inzwischen denken die Studentinnen über eine professionelle Produktion und Vermarktung nach. Das Shards-Team wurde erweitert um die Verfahrensingenieurin Min Hui Yap und den Wirtschaftsingenieur Moritz von Galen, der vor allem den Geschäftsaufbau sowie Kommunikation und Vertrieb vorantreiben soll.

„Derzeit haben wir einen sehr weit fortgeschrittenen Prototypen“, sagte uns Moritz von Galen Anfang Januar dieses Jahres. „Wir befinden uns jedoch weiterhin in der Verfahrensentwicklung und sind offen für Kooperationen aller Art – sei es im Rahmen der Forschung und Entwicklung unseres Verfahrens oder auch bei der Produktion der Shards.“ Auch ein Vertrieb über den Baustoff-Fachhandel werde angestrebt, man sei hier „sehr offen für Kooperationen“. „Den Markteintritt mit Beginn eines regulären Verkaufs planen wir für das Frühjahr 2022“, so von Galen.

Für die Umsetzung des Geschäftskonzepts wird das Gründungsteam Shards seit November 2000 erst einmal mit einem Stipendium in Höhe von 141.000 Euro unterstützt. Die Fördersumme umfasst Personal-, Sach- und Coaching-Mittel. Während des Förderungszeitraums kann das Team zudem einen Büroraum in der Gründungsetage der Universität Kassel nutzen.

Ziegel-Bauschutt und Altglas

Falls der Markteintritt gelingt, würde das bisherige Angebot an Keramikfliesen um eine durchaus innovative Variante erweitert. Zwar gibt es auch bisher schon Hersteller, die bei der Fliesenproduktion Recyclingmaterial einsetzen. Nach Angaben von Shards beträgt der Recyclinganteil dabei aber höchstens 50 %, und außerdem werden in der Regel nur Produktionsabfälle verwertet. Es findet also keine Wiederverwertung von Abbruch-Baustoffen statt. „Fliesen, die ganz aus Bauschutt bestehen, hat vorher niemand entwickelt“, betont Lea Schücking.

Dabei macht die Idee, altes Ziegelmauerwerk beziehungsweise alte Klinkersteine und Dachziegel für die Herstellung neuer Keramikfliesen zu verwenden, absolut Sinn. Schließlich handelt es sich in allen Fällen um tonbasierte Produkte. Auch Steingut- und Steinzeugfliesen bestehen größtenteils aus gebranntem Ton. Genauso folgerichtig erscheint der Einsatz von Recyclingglas. Herkömmliche Keramikfliesen enthalten neben feingemahlenem Ton noch weitere Zusatzstoffe, darunter auch Quarzminerale. Diese wiederum sind ein Hauptbestandteil von Glas.

Gut durchdacht ist im Übrigen auch der Markenname Shards. Als Scherben bezeichnen Fachleute das Rohstoffgemisch für Keramikfliesen, nachdem es unter hohen Temperaturen gebrannt wurde. Und das für Shards-Fliesen verwendete alte Fensterglas liegt in der Regel auch in Scherbenform vor.

Herstellung der Recycling-Fliesen

Anfang 2020 wurden diese Shards-Fliesen im Institutsgebäude des ifeu Heidelberg verlegt. Foto: C. Buck

Anfang 2020 wurden diese Shards-Fliesen im Institutsgebäude des ifeu Heidelberg verlegt. Foto: C. Buck

Zur Herstellung der nachhaltigen Produkte werden Ziegelmaterial und Glas zunächst gemahlen, gemischt und bei hohen Temperaturen zu neuen Steinzeug-Fliesen gebrannt. Diese haben zwei Schichten: Fliesenkörper und Glasur – wobei der Glasanteil in der Oberflächenschicht erkennbar höher ist. Neben den genannten Recyclingmaterialien werden wie gesagt keinerlei Zusatzstoffe verwendet. Körper und Glasur der Fliesen bestehen ausschließlich aus verschiedenen Mischungen recycelter Ziegel und Glas.

Auch die verschiedenen Farben (Grün-, Türkis-, Grau- und Brauntöne) sowie die Oberflächenvarianten (matt, glänzend) entstehen ausschließlich durch die feine Abstimmung der beiden Sekundärrohstoffe sowie durch unterschiedliche Brenntemperaturen. Die Verbindung der Bestandteile erfolgt einzig durch den Brennprozess.

Beim Brennen favorisiert Shards bewusst elektrisch betriebene Öfen statt Gasöfen. „Derzeit produzieren wir die Fliesen in einem Ofen im Labor des Fachgebiets Umweltgerechte Produkte und Prozesse (upp) der Universität Kassel und sind somit auf den Strommix der Uni angewiesen“, verrät Moritz von Galen. „Zukünftig wollen wir in einer eigenen Werkstatt für den Betrieb des Ofens ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen nutzen.“

Bauschutt in Deutschland

Die Sekundärrohstoffe für die eigenen Fliesenkreationen besorgt sich das Team bisher noch selbst aus Bauschuttdeponien und Recyclinghöfen rund um Kassel. Für die Zukunft plant man die Zusammenarbeit mit externen Partnern, die das Grundmaterial für Shards sammeln und zerkleinern. Eins ist sicher: An einem Rohstoffmangel wird das Projekt nicht scheitern. Nach Angaben der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau fallen in Deutschland jedes Jahr riesige Mengen an Bauschutt an.

Im letzten Monitoring-Bericht „Mineralische Bauabfälle“ zählte die Initiative für das Jahr 2016 insgesamt 214,6 Mio. Tonnen ungefährlicher mineralischer Bauabfälle, darunter 58,5 Mio. t Bauschutt wie Beton, Ziegel oder Fliesen (27,3 %). Immerhin wurden 77,7 % dieser Beton-, Ziegel- und Fliesenabfälle bereits wieder zu neuen Baustoffen recycelt. Meist handelt es sich dabei aber um ein Downcycling zu Schüttgütern. Das Shards-Projekt zeigt hier Alternativen auf: Aus Ziegel-Bauschutt lässt sich viel mehr machen als einfache Gesteinskörnungen für den Straßen- oder GaLaBau.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: freierjournalist@rolandgrimm.com

 

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