Putzfassaden in intensiven Farbtönen liegen seit einigen Jahren im Trend. (Quelle: Roland Grimm)

Bauchemie 2023-03-15T08:30:56Z Fassadenputz: Was ist der TSR-Wert?

Die Farbe von Putz an der Fassade ist nicht egal. Zumindest für gedämmte Fassaden gilt: Dunkler Putz kann sich so stark aufheizen, dass es zu Rissen oder Verformungen kommt. Die Baustoffindustrie hat daher mittlerweile Fassadenfarben auf den Markt gebracht, die sich – obgleich dunkel – geringer aufheizen. Diese Produkte zeichnen sich durch einen höheren TSR-Wert aus („Total Solar Reflectance“).

Dunkle Farbtöne liegen bei Putzfassaden seit Jahren im Trend. Umso ärgerlicher, dass sie sich bei Sonneneinstrahlung viel stärker erhitzen als hellere Farben, was zu Spannungen im Material und in der Folge zu Rissen, Verformungen oder sonstigen Beschichtungs- beziehungsweise Untergrundschäden führen kann.

Das Problem der Erwärmung besteht vor allem, wenn dunkle Beschichtungen auf Wärmedämmverbundsystemen ( WDVS ) zum Einsatz kommen. Das liegt ausgerechnet an deren Dämmleistung. Da sich die Dämmstoffe unter dem Putz durch eine geringe Wärmeleitfähigkeit auszeichnen, nehmen sie Wärme aus der Oberflächenschicht nur sehr langsam auf.

Hellbezugswert und TSR-Wert

Farben mit hohem TSR-Wert erlauben heute auch sehr dunkle Wärmedämmfassaden.  (Quelle: Knauf/ Ralf Heikaus)

Aufgrund dieser bekannten Problematik war es lange Zeit üblich, für WDVS-Fassaden eher helle Oberputze beziehungsweise Farbbeschichtungen einzusetzen. Der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) empfiehlt, Oberputze/Beschichtungen mit einem Hellbezugswert von weniger als 30 nur in Ausnahmefällen auf hochwärmegedämmten Untergründen einzusetzen (siehe Broschüre „ Leitlinien für das Verputzen von Mauerwerk und Beton “).

Der Hellbezugswert (HBW) ist ein Maß für die Helligkeit der Farbe eines Körpers, wie sie das menschliche Auge in Relation zu Reinweiß (HBW 100) beziehungsweise Tiefschwarz (HBW 0) wahrnimmt. Infolge dieser Fokussierung auf die optische Wahrnehmung berücksichtigt der HBW allerdings nur das sichtbare elektromagnetische Strahlungslicht der Sonne, das lediglich 39 % der gesamten Solarstrahlung ausmacht. Als Maß für die Aufheizung von Körpern eignet er sich daher nicht.

An dieser Stelle kommt nun der TSR-Wert ins Spiel. Er berücksichtigt neben der sichtbaren Sonnenstrahlung auch die Infrarotstrahlung (58 %) und die UV-Strahlung (3 %) – kurzum: die gesamte Solarstrahlung. Genauer gesagt ist der TSR-Wert (Total Solar Reflectance) ein Maß dafür, wieviel ein Körper von der auf ihn treffenden Sonneneinstrahlung reflektiert. Je höher der TSR-Wert des Körpers, umso mehr solare Strahlung wird reflektiert. Natürlich gilt im Umkehrschluss: Je höher die Reflektion (also der TSR-Wert), umso weniger heizt sich der Körper – also zum Beispiel eine Fassadenoberfläche – auf.

Kühler dank Reflektion

Angesichts der geschilderten Zusammenhänge wird klar, warum der TSR-Wert von Fassadenputzen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Wie oben bereits erwähnt, rät der VDPM von Putzen/Farben auf hochwärmegedämmten Untergründen ab, wenn der Hellbezugswert der Beschichtung geringer als 30 ist. Das gilt übrigens nicht nur für WDVS-Dämmstoffe, sondern auch für Porenbetonsteine als Untergrund. Heutige Verbraucher wünschen sich aber häufig deutlich dunklere Fassaden. Die gute Nachricht: Das ist möglich, wenn die Oberflächen dafür einen höheren TSR-Wert haben.

Laut VDPM sind auch Putzschichten mit einem Hellbezugswert unter 30 auf hochwärmegedämmten Untergründen noch tolerabel, sofern auf den Unterputz zusätzlich ein Armierungsputz mit vollflächiger Gewebeeinlage aufgebracht wird. Das Gewebe nimmt nämlich Spannungskräfte auf, die auf die Putzschichten wirken – auch durch Hitzeeinwirkung – und vermindert dadurch das Risiko von Rissen im Oberputz.

Bei einem HBW von weniger als 20 allerdings, reichen solche Maßnahmen nicht mehr aus. Derart dunkle Oberflächen sind auf Wärmedämmung gleichwohl nicht ausgeschlossen, sofern sich diese dafür durch einen erhöhten TSR-Wert auszeichnen. Der VDPM schreibt dazu: „ Sollen dunkle Farbtöne mit einem HBW < 20 eingesetzt werden, ist trotz vollflächiger Gewebeeinlage zusätzlich ein TSR-Wert ≥ 25 der Oberfläche/Beschichtung empfehlenswert. Der TSR-Wert muss seitens des Herstellers bestätigt werden “.

Der hier angegebene Grenzwert von mindestens 25 kommt natürlich nicht von ungefähr. Er steht seit August 2017 in der DIN 55699 („ Anwendung und Verarbeitung von außenseitigen Wärmedämm-Verbundsystemen mit Dämmstoffen aus expandiertem Polystyrol-Hartschaum oder Mineralwolle “). Sofern die DIN 55699 bei WDVS-Projekten vertraglich vereinbart wurde, was meist der Fall ist, sind Handwerker also verpflichtet sicherzustellen, dass der TSR-Wert ≥ 25 ist, wenn der Hellbezugswert der Fassadenoberfläche weniger als 20 beträgt.

Hersteller reagieren auf Nachfrage

Die Siliconharz-Fassadenfarbe Knauf Autol TSR ist reflexionsoptimiert. (Quelle: Knauf)

Wo eine neue Nachfrage auftritt, entwickelt sich – sofern technisch möglich und wirtschaftlich darstellbar – in der Regel auch ein entsprechendes Angebot. Weil der Verbraucher dunkle Fassaden wünscht, haben die Hersteller daher in den letzten Jahren vermehrt Fassadenbeschichtungen mit ausreichend hohem TSR-Wert entwickelt.

So hat zum Beispiel Knauf im letzten Jahr die reflexionsoptimierte Siliconharz -Fassadenfarbe „Autol TSR“ auf den Markt gebracht, die nach Herstellerangaben „ auch bei dunklen Farbtönen mit einem Hellbezugswert unter 20 höchste Sicherheit gegen Rissbildung im Untergrund “ bietet. Die Farbe empfiehlt sich für weiße Oberputze – sowohl mineralische als auch organische –, die auf einer Fassadendämmung oder auf hochdämmendem Mauerwerk aufgebracht wurden. Eine spezielle Pigment-Rezeptur sorgt dafür, dass die für die Aufheizung verantwortlichen Lichtanteile aus dem Sonnenlicht von der Fassade stärker reflektiert werden als bei der Verwendung herkömmlicher Pigmente.

zuletzt editiert am 05. April 2024