RM Rudolf Müller
An der Fassade verarbeitet man Putz in der Regel mehrlagig, wobei der Unterputz andere Eigenschaften hat als der Oberputz. Foto: Xella

An der Fassade verarbeitet man Putz in der Regel mehrlagig, wobei der Unterputz andere Eigenschaften hat als der Oberputz. Foto: Xella

Bauchemie
04. Januar 2018 | Artikel teilen Artikel teilen

Welche Aufgaben haben Unterputze?

Der Begriff „Putz“ bezeichnet Mörtelprodukte zur Beschichtung von Wänden oder Decken. Sie werden je nach Anwendungsfall ein- oder zweilagig, manchmal auch mehrlagig aufgetragen. Bei zwei- oder mehrlagigen Putzschichten bezeichnet man die unterste Lage als Unterputz. Die Baustoffindustrie bietet dafür auf den jeweiligen Untergrund abgestimmte Rezepturen. Unterputze erfüllen andere Aufgaben als Oberputze und haben deshalb auch andere Eigenschaften.

Grundsätzlich besteht Putz immer aus Sand, Wasser und einem Bindemittel. Aber die von der Baustoffindustrie angebotenen Putzmörtel unterscheiden sich in ihren Eigenschaften dennoch oft erheblich – je nach Einsatzzweck. Mit manchen Produkten lassen sich besonders harte und dichte Schichten erstellen, andere sind deutlich weicher und poröser. Was die verwendeten Zutaten betrifft, bestehen Unterschiede einerseits in der Art des verwendeten Bindemittels, zum Beispiel Kalk, Zement, Gips oder Lehm, andererseits wirkt sich auch der verwendete Sand auf die Eigenschaften des Materials aus (fein- oder grobkörnig). Außerdem enthalten manche Putzsorten weitere Zuschlagstoffe zur Erzielung bestimmter Eigenschaften.

Ober- und Unterputz

Während Putzmörtel im Innenbereich auch einlagig verarbeitet wird, sind im Außenbereich – also an der Fassade – mehrere Lagen üblich. Dabei besteht der Unterputz in der Regel aus weicherem Material als der Oberputz. Letzterer steht im direkten Kontakt zur Außenwelt, ist Wind und Wetter ausgesetzt und dient als Schutzschicht für die Außenwand sowie gegebenenfalls vorhandene Fassadendämmstoffe. Da verwundet es nicht, dass Oberputz vergleichsweise hart und dicht sein muss.

Warum aber wählt man für den Unterputz im Allgemeinen weichere Materialien? Und warum verwendet man nicht einfach für alle Schichten den gleichen Putzmörtel? Die allgemeine Antwort lautet: weil der Unterputz andere Aufgaben zu erfüllen hat als der Oberputz. So hat der weichere Unterputz zum Beispiel die Funktion, klimatisch bedingte Spannungen im Wandaufbau „abzupuffern“. Besonders Fassaden sind im Tagesverlauf oft starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Das sorgt für Bewegungen im Material und kann zu Rissen im Oberputz führen, wenn die Spannung nicht durch die höhere Elastizität des Unterputzes ausgeglichen wird.

Der gewünschte Spannungsausgleich erfordert – je nach Anwendungsfall – eine bestimmte Mindeststärke der Putzschicht. An der Fassade sollte Außenputz zum Beispiel eine Mindestdicke von 2 cm haben, damit Verformungen des Untergrundes ohne Rissbildung abgefangen werden können. Während Oberputz in der Regel sehr dünn aufgetragen wird, sorgt vor allem der Unterputz für die Einhaltung der Mindestschichtstärke. Nebenbei gesagt: Würde man eine Außenwand nur mit einem dünnen Oberputz beschichten, bestände die Gefahr, dass später die Fugenstruktur des Mauerwerks an der Fassadenoberfläche durchschimmert.

Ein weiterer Grund dafür, dass Ober- und Unterputz nicht aus demselben Material bestehen, ist die Optik. Oberputzschichten sollen schließlich auch gut aussehen, beim Unterputz ist das egal. Manche Oberputze enthalten Farbpigmente, farbige Gesteinsmehle oder auch farbige Natursteinkörner beziehungsweise glitzernde Mineralkörnungen wie Kalkspat, Feldspat oder Glimmer (Edelputze). Es wäre herausgeschmissenes Geld, wenn auch Unterputzschichten aus solch edlem Material bestünden.

Funktionen von Unterputzen

Hochwärmedämmende Ziegel haben meist unebene Oberflächen und erfordern daher einen ausgleichenden Unterputz. Foto: Unipor

Hochwärmedämmende Ziegel haben meist unebene Oberflächen und erfordern daher einen ausgleichenden Unterputz. Foto: Unipor

Neben der oben bereits erwähnten Funktion des Spannungsausgleichs gibt es noch weitere Gründe für den Auftrag einer speziellen Unterputzschicht. Allgemein gilt, dass die Wahl des Putzmörtels auf den vorhandenen Untergrund abgestimmt sein muss. Dabei sind oft Eigenschaften gefragt, die von typischen Oberputzen eben nicht erfüllt werden. So sind zum Beispiel moderne, wärmedämmende Ziegelbaustoffe sehr porös und aufgrund ihrer geringen Rohdichte auch relativ weich. Nun gilt im Maurerhandwerk aber die Faustregel, dass Druckfestigkeit und Steifigkeit des Untergrundes höher sein müssen als die des verwendeten Putzes. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass der Unterputz weicher und poröser sein muss als das wärmedämmende Mauerwerk.

Die vergleichsweise dicke Unterputzschicht hat traditionell natürlich auch noch eine ganz andere Funktion: Sie sorgt dafür, dass Unebenheiten im Untergrund ausgeglichen werden und somit eine ebene Oberfläche für den Oberputz entsteht. Bei den Unebenheiten muss es sich nicht mal um Wandschäden handeln. Modernes, wärmedämmendes Ziegel-Hintermauerwerk bietet auch fabrikneu keinen glatten Putzgrund. Dieser muss also erst mithilfe des Unterputzes geschaffen werden. Aufgrund ihrer porigen Struktur haben die genannten Ziegelsteine zudem ein hohes Saugvermögen. Auch in diesem Zusammenhang gilt: Unterputz ist immer auf den verwendeten Wanduntergrund abzustimmen und muss natürlich zu dessen Saugverhalten passen.

Auch wenn keine Unebenheiten im Untergrund auszugleichen sind, erfüllt der Unterputz eine wichtige Funktion für den abschließenden Oberputz. Auf glatten Wandbaustoffen wie Beton oder Kalksandstein finden Oberputzmörtel nämlich nur schwer Halt und können daher leicht wieder abblättern. Ein passend ausgewählter Unterputz löst auch dieses Problem, indem er als Haftgrund für den Oberputz fungiert.

Spezielle Unterputzmörtel

Bei den Unterputzen unterscheidet man universell einsetzbare Grundmörtel von Spezialprodukten, die über besondere Eigenschaften verfügen. Zu Letzteren gehören die Leicht- und Wärmedämmputze. Diese zeichnen sich durch eine besonders hohe Porosität aus und enthalten leichte mineralische Gesteinskörnungen wie Bims, Blähglas und Blähton oder auch EPS-Kügelchen als Zuschlagstoffe. Sie kommen insbesondere zum Verputzen einschaliger Wände aus wärmedämmendem Mauerwerk zum Einsatz – also zum Beispiel für die oben erwähnten Ziegelbaustoffe. Ein weiteres Beispiel für Spezial-Unterputze sind die so genannten Sanierputze. Zu diesem Thema gibt es auf baustoffwissen.de bereits einen eigenen Beitrag.


Mehr zum Thema Bauchemie finden Sie in der Übersicht


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

Was ist Luftkalkputz?

Schon seit vielen Jahrtausenden nutzt die Menschheit den auf der Erde vorkommenden Kalkstein zur Herstellung von Bindemitteln, die in Baustoffen...

mehr »
 

Was versteht man unter Leichtputz?

Aufgrund seiner geringen Rohdichte bietet Leichtputz mehr Wärmedämmung als herkömmliche Normalputze. Die Produkte haben sich deshalb vor allem als Lösung...

mehr »
 

Welche Funktionen haben Putzprofile?

In die Randbereiche von Putzflächen werden oft so genannte Putzprofile eingearbeitet. Sie helfen dem Verarbeiter, Putz- und Spachtelarbeiten qualitativ hochwertig...

mehr »
Nach oben
nach oben