RM Rudolf Müller
Bodenbeschichtung mit grauem Granitdesign in Gießener Kleintier-Klinik.   Foto: Sika Deutschland GmbH

Bodenbeschichtung mit grauem Granitdesign in Gießener Kleintier-Klinik.   Foto: Sika Deutschland GmbH

Bauchemie
24. März 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Was sind Bodenbeschichtungen?

Der Begriff Bodenbeschichtungen umfasst ein großes Spektrum an bauchemischen Produkten mit – je nach Einsatzzweck und gewünschten Eigenschaften – vielfältigen Rezepturen. Meist handelt es sich um flüssig oder pastös zu verarbeitende Materialien auf Kunstharzbasis, die sich zur einfachen und schnellen Herstellung fugenloser Böden eignen. Diese können mechanisch, thermisch und chemisch hoch belastbar sein.

Die dünnen Bodenbeschichtungen mit Kunstharz als Bindemittel wurden früher vor allem in Produktions- und Lagerhallen der Industrie eingesetzt, zum Schutz darunterliegender Estrich– oder Betonböden. Doch der Anwendungsbereich der strapazierfähigen und pflegeleichten Beschichtungen ist längst viel breiter geworden, die Nachfrage steigt seit Jahren. Nach einer Marktstudie von Branchenradar.com betrug das Wachstum in Deutschland allein 2019 rund 6 % gegenüber dem Vorjahr.

Steigende Nachfrage

Heute findet man die fugenlosen Kunstharzböden auch in vielen Ladengeschäften und Verwaltungsbauten, in öffentlichen Gebäuden wie Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern, aber auch in Sporthallen, auf Stadion-Laufbahnen oder in Parkhäusern. Typische Einsatzfelder sind auch Reinräume (etwa in Laboren) sowie alle Bereiche, in denen zum Schutz elektrischer Anlagen elektrostatisch ableitfähige Fußböden – so genannte ESD-Böden – notwendig sind.

Nach Angaben von Branchenradar.com kommen zurzeit zwar noch drei Viertel des Wachstums aus dem Nicht-Wohnbau, aber prozentuell wächst derzeit am schnellsten der Geschosswohnbau. Beim Umbau alter Industriegebäude zu modernen Loft-Wohnungen spielen Bodenbeschichtungen schon länger eine Rolle, doch mittlerweile erobern sie auch den normalen Wohnbau und finden dort ihren Platz als weiteres Konkurrenzprodukt zu Teppich, Fliesen, Laminat, Parkett, elastischer Kunststoffrollenware oder Multilayer-Böden. Auch auf Balkonen und in Wohnbaukellern kommen sie zum Einsatz.

Effizient und strapazierfähig

In der Tiefgarage der Klinik kam das einschichtige „Car-Deck“-System auf Epoxidharzbasis zum Einsatz. Foto: Sika Deutschland GmbH

In der Tiefgarage der Klinik kam das einschichtige „Car-Deck“-System auf Epoxidharzbasis zum Einsatz. Foto: Sika Deutschland GmbH

Mit selbstverlaufenden oder spachtelfähigen Bodenbeschichtungen lassen sich in kurzer Zeit auch große Bodenflächen herstellen, die in der Regel schon nach 24 Stunden begehbar und nach wenigen Tagen voll belastbar sind. Die Oberflächen sind leicht zu reinigen, flüssigkeitsdicht und strapazierfähig. Mehr noch: Kommt es später doch mal zu mechanischen Schäden, lassen sich diese leicht reparieren. Löcher oder Risse werden mit frischem Kunstharzmaterial einfach ausgebessert.

Mithilfe geeigneter Rezepturen kann man die Beschichtungen aber auch von vorneherein so einstellen, dass sie mechanisch, thermisch und chemisch hoch belastbar sind. Zugleich sind die heutigen Beschichtungen in vielen Farben und Designs erhältlich, und die Oberflächen können sowohl sehr glatt sein sowie eine hochglänzende Optik aufweisen als auch durch Verwendung von Einstreumaterialien eine hohe Rutschhemmung erreichen.

In Räumen, in denen sich regelmäßig Menschen aufhalten, empfiehlt es sich Bodenbeschichtungen zu verwenden, die das so genannte AgBB-Siegel tragen. Die Abkürzung steht für „Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten“. Dieser vom Umweltbundesamt eingesetzte Ausschuss hat sich auch mit der Gefahr der Ausgasung von flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) aus Bodenbeschichtungen befasst. Produkte mit AgBB-Siegel wurden nach strengen Raumluft-Kriterien positiv geprüft.

Die meisten Bodenbeschichtungen enthalten Epoxid- oder Polyurethanharze (PU). Dabei handelt es sich um reaktive Kunstharze, die durch chemische Reaktion aushärten, wobei sich keine Nebenprodukte wie zum Beispiel Wasser abspalten. Diese Bodenbeschichtungen werden als ein- oder zweikomponentige Produkte angeboten. Die Aushärtungsreaktion beschleunigt sich bei hohen Umgebungstemperaturen und wird durch niedrige Temperaturen verzögert. Nach Angaben des Herstellers MC Bauchemie lassen sich gängige Bodenbeschichtungen auf Polyurethan- und Epoxidharzbasis daher nur bei Umgebungstemperaturen zwischen 8 und 30 °C verarbeiten.

Mehrschichtige Systeme

Wenn man von einer Bodenbeschichtung spricht, ist in der Regel ein Beschichtungssystem gemeint – das heißt, der Boden besteht nicht nur aus einer, sondern aus mehreren Schichten unterschiedlicher Materialität und Funktion. Ein Beispiel: Für ihre neue Kleintier-Klinik suchte die Justus-Liebig-Universität Gießen kürzlich eine reinraumtaugliche, fugenlose und unempfindliche sowie zugleich rutschhemmende Bodenbeschichtung. Zum Einsatz kam auf 8.500 m² Fläche das dreischichtige System „Sikafloor Deco-Dur ES-22 Granite“ des Herstellers Sika (siehe Foto ganz oben).

Das Beschichtungssystem mit der unempfindlichen Granitoptik kam in den Farben blau und mittelgrau zum Einsatz. Der Bodenaufbau besteht aus einer farbgebenden Grundierung auf Epoxidharzbasis, auf die ein transparentes Kunstharz-Bindemittel für Colorquarzbeläge folgt. Diese Schicht bindet auch das Einstreumaterial für die Granitoptik des Bodens. Bei der abschließenden Nutzschicht handelt es sich um eine Polyurethan-Versiegelung, die kleine Glaskügelchen enthält. Dadurch wurde die geforderte Rutschhemmung erreicht, ohne die Reinigungsfreundlichkeit des Bodens zu beeinträchtigen.

Oft lautet der Beschichtungsaufbau also (von unten nach oben): Grundierung – eigentliche Beschichtung (gegebenenfalls mit Einstreumaterial) – Versiegelung. Es können aber, je nach Anforderungsprofil, auch mehr oder weniger Schichten sein. Manchmal erhalten Beton- und Estrichuntergründe auch nur eine weniger als 0,5 mm dicke Versiegelung. Bei dreischichtigen Aufbauten wiederum kann die mittlere Bodenbeschichtung sowohl als Dünnbeschichtung (bis etwas 1 mm) als auch als Dickbeschichtung ausgeführt sein.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

Was sind Polyurethan-Böden?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie es im ersten Moment erscheint. Denn der Begriff Polyurethan-Boden ist nicht...

mehr »
 

Was sind ESD-Böden?

Die Abkürzung ESD steht für „Electro Statical Discharge“. Auf Deutsch: elektrostatische Entladung. ESD-Böden sind Beläge, die aufgrund ihres speziellen Aufbaus...

mehr »
 

Was sind Bodenausgleichsmassen?

Mit Bodenausgleichsmassen lassen sich unebene Unterböden, aber auch alte, sanierungsbedürftige Oberbeläge schnell und einfach ausgleichen. Das ist oft notwendig, um...

mehr »
Nach oben
nach oben