RM Rudolf Müller
Ganz schöne Oschis: Hagelkörner können schwere Gebäudeschäden verursachen.  Foto: Pixabay

Ganz schöne Oschis: Hagelkörner können schwere Gebäudeschäden verursachen.  Foto: Pixabay

Dach
21. April 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Hagelwiderstand von Baustoffen

In Zeiten des Klimawandels nehmen nicht nur Starkregenereignisse zu, sondern auch Unwetter mit Hagelkörnern von mehreren Zentimetern Durchmesser. Fallen solche „Eisgeschosse“ vom Himmel, sind auch im Gebäudebereich Schäden vorprogrammiert – natürlich am Dach, aber auch an der Fassade. Wer als Hausbesitzer sein Eigentum besonders schützen möchte, kann auf Baustoffe mit hohem Hagelwiderstand setzen.

Ein Hagelkorn mit 3 cm Durchmesser ist etwa so groß wie eine Walnuss. Fällt er aus luftiger Höhe auf gewöhnliche Dachziegel oder Dachsteine eines Steildachs, so kann dies bereits zu Rissen oder Materialabplatzungen führen. Bei Flachdächern mit elastischen Abdichtungsbahnen und darunterliegenden Dämmstoffpaketen sind eher nur Dellen zu erwarten, weil die Hagelkörner hier nicht auf eine harte Dachhaut treffen.

Dämmstoffe können helfen

2006 sorgte ein Hagelsturm für schwere Schäden am Dach der Friedensschule in Trossingen bei Freiburg. Foto: Bauder

2006 sorgte ein Hagelsturm für schwere Schäden am Dach der Friedensschule in Trossingen bei Freiburg. Foto: Bauder

Hagelkörner sind manchmal aber auch größer. Sie haben dann zum Beispiel den Durchmesser eines Tischtennisballs (4 cm) oder sogar eines Tennisballs (rund 6 cm). Derartige „Eisbomben“ können harte Eindeckungsmaterialien auch komplett durchbrechen und zudem auch noch die darunter liegenden Unterspann-, Unterdeck- oder Unterdachbahnen durchschlagen. Dann drohen richtige Löcher in der Dachhaut.

Ein solches Schreckensszenario lässt sich immerhin weitgehend ausschließen, wenn sich unterhalb der Dachpfannen und -bahnen noch eine ausreichend widerstandsfähige Dämmstoffebene befindet, die den Aufprall der Hagelkörner abfedert.

Der Hersteller Bauder hat zum Beispiel vor ein paar Jahren seine Aufsparrendämmungen aus PIR-Hartschaum auf Hagelwiderstand testen lassen. Im Laborversuch hielt der elastische Hartschaum sogar den direkten Beschuss mit Kunststoffkugeln stand, die mit 200 km/h Geschwindigkeit auf das Material „abgefeuert“ wurden. Weitere Infos zu diesem Thema bietet auch unser BaustoffWissen-Fachbeitrag „Wie kann man das eigene Dach hagelsicher machen?“.

Getestete Steildach-Baustoffe

Durch Hageleinschlag verursachte Löcher im Dach mögen in der Praxis die Ausnahme sein. Doch auch geringfügigere Schäden an den Eindeckungsmaterialien sind ja ärgerlich und können kostspielige (Teil-)Neueindeckungen erfordern. Deshalb kann es sich für Hausbesitzer durchaus lohnen, von vorneherein auf Eindeckungsmaterialien mit hohem Hagelwiderstand zu setzen.

In Deutschland gibt es zwar für Dach- und Fassadenbaustoffe bisher keine verbindlichen Hagelwiderstandsprüfungen, doch auch manche deutsche Hersteller lassen ihre Produkte bereits heute freiwillig nach den Kriterien der Nachbarländer Österreich und Schweiz testen. Dort sind die Baustoffe nämlich verpflichtend einer von fünf Hagelwiderstandklassen zuzuordnen.

Im Sortiment deutscher Dachziegelhersteller sind Produkte der Widerstandsklasse 4 mittlerweile durchaus geläufig. Derart getestete Dachbaustoffe halten den Aufschlag von Hagelkörnern bis zu 4 cm Durchmesser – bei einer Aufprallgeschwindigkeit von bis zu 99 km/h – erfolgreich stand. Manche Hersteller haben sogar Dachpfannen mit der höchsten Hagelwiderstandsklasse 5 im Sortiment (HW 5). Diese wurden erfolgreich mit Kugeln von 5 cm Durchmesser getestet. Der Dachziegelhersteller Erlus bietet mit seinem Ergoldsbacher Handschlagbiber (21 mm Scherbenstärke) sogar ein Produkt, das beim Test den Beschuss mit 6 cm großen Eiskugeln aushielt und daher mit HW 5+ zertifiziert wurde.

Test im Flachdachbereich

Dieser Flachdach-Dämmstoff widerstand im Test sogar dem Beschuss mit 6 cm dicken Eiskugeln. Foto: Rockwool

Dieser Flachdach-Dämmstoff widerstand im Test sogar dem Beschuss mit 6 cm dicken Eiskugeln. Foto: Rockwool

Wie oben schon angedeutet, ist das Potenzial für Hagelschäden im Flachdachbereich grundsätzlich gering, weil die Hagelkörner hier auf eine elastische Dachhaut treffen. Diese besteht üblicherweise aus einer dünnen Abdichtungsbahn – meist aus Bitumen oder Kunststoff – und dem darunter liegenden Dämmstoffpaket.

Kürzlich hat der Steinwolle-Hersteller Rockwool den Hagelwiderstand seiner meist verkauften Flachdachdämmplatte Durock 040 durch das Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung mit Sitz im österreichischen Linz testen lassen. Geprüft wurde ein Dachaufbau mit einer – von außen nach innen – 1,5 mm starken FPO-Kunststoffabdichtungsbahn und einer unkaschierten, 10 cm dicken Steinwolle-Flachdachdämmung (Durock 040) auf fester Unterlage. Ergebnis: Der Dachaufbau erreichte die höchste durch Prüfungen belegbare Hagelwiderstandsklasse HW 5.

Im Prüflabor wurde der Hagelschlag durch den senkrechten Beschuss einer 1,1 m² großen Dachfläche mit Eiskugeln im Durchmesser von 5 cm simuliert. Die einzelnen Kugeln beschleunigte man durch Druckluft auf die in den Prüfbestimmungen festgelegten Geschwindigkeiten. Die Testfläche war zuvor so mit Dämmplatten belegt worden, dass auch T-Stöße und entsprechende Lagerfugen zwischen den Dämmplatten einem Beschuss ausgesetzt waren.

Trotz dieses heftigen Beschusses blieb der Dachaufbau schadensfrei und wasserdicht. Selbst beim Einsatz der 6 cm dicken Eiskugeln waren nur leichte Dellen von maximal 1 cm Tiefe zu sehen. Und diese Dellen formten sich nach einer Erwärmung, wie sie auf dem Flachdach durch Sonneneinstrahlung entsteht, fast vollständig zurück. Auch die Kunststoff-Dachabdichtung wies keine Überstreckung oder durchgehende Risse an den Aufprallstellen auf. Nach Angaben von Rockwool absorbiert die Durock 040 dank ihrer hohen Flexibilität die Aufprallenergie.

Schäden an der Fassade

Nicht nur auf dem Dach, sondern auch an der Fassade können Hagelereignisse Schäden anrichten. Da man in der heutigen Architektur kaum noch Vordächer findet, hat das Risiko sogar zugenommen. Die Schwere möglicher Schäden hängt natürlich vom jeweiligen Fassadenmaterial ab. Die Vielfalt ist hier groß – man denke nur an die vielen unterschiedlichen Bekleidungen für vorgehängte, hinterlüftete Fassaden (VHF), die von Keramik, Klinkerriemchen und Faserzement über Naturstein und Holz bis hin zu Aluminium, Glas oder HPL-Platten reichen. Insofern lassen sich zu Schäden im Fassadenbereich keine allgemeinen Aussagen machen.

Hagelregister

Wer gezielt nach hagelprüften Baustoffen für die Fassade sucht, wird auf der Website www.hagelregister.ch fündig. Dort findet man zudem auch entsprechende Produkte für das Dach. Die Suchmaske ermöglicht eine Materialrecherche nach verschiedenen Kriterien. Man kann das Hagelregister zum Beispiel nach Dach- oder Fassadenprodukten unterschiedlicher Materialität durchsuchen, aber auch nach bestimmten Herstellern. Oder man gibt eine der fünf Hagelwiderstandklassen ein (HW 1–5) und erhält als Ergebnis alle Produkte aller Hersteller, die in der jeweils ausgewählten Klasse positiv getestet wurden. Nach Angaben der Hagelregister-Website bieten übrigens Materialien mit Hagelwiderstand 3 oder höher einen guten Schutz.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: freierjournalist@rolandgrimm.com

 

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